Die jungen Wilden

Start-ups: Warum Berlin Europas Spitzenreiter ist

Berlin. Alles begann mit einem Schock. Als Herbert Hellmann aus dem Urlaub kam, stand daheim die Wohnungstür offen – Einbrecher! Fernseher, Wertsachen, alles weg. „Das passiert mir nie wieder“, schwor sich der Mechatronik-Student. Und begann, sich intensiv Gedanken über wirklich schlaue Alarmanlagen zu machen.

An diesem Februartag, fünf Jahre danach, ist das Ergebnis der Gehirn-Marter zu besichtigen – in einer zum Büro umgemodelten Wohnung im Herzen Berlins. Es heißt: „Flare“.

Ein handtellergroßes Ufo aus weißem Plastik, vollgepfropft mit Technik, Sensoren, HD-Kamera. „Das Sicherheitssystem der Zukunft!“, schwärmt Hellmann. „Mit Gesichtserkennung und Alarmfunktion, einfach zu bedienen, intelligent! Und bezahlbar!“

Um das Teil zu entwickeln und zu produzieren, hat er vor gut einem Jahr mit zwei Partnern das Start-up Buddyguard gegründet. Seither kennt das Tech-Unternehmen nur eine Richtung: steil aufwärts. „Wir haben Anfragen aus aller Welt. Versicherungen, Handelsketten, Privatleute, alle wollen Flare. Ein Wahnsinns-Hype.“

Vom Einbruchsopfer zum Erfolgsunternehmer – Hellmanns Geschichte mag sich angekitscht anhören. Aber sie ist ein Paradebeispiel: für den Boom der deutschen Hightech-Gründerszene.

Start-ups – also junge, wilde, technologieorientierte „Garagenklitschen“ mit radikal neuen Ideen: Lange dachte man da einzig an Storys aus dem amerikanischen Silicon Valley. An den Taxi-Schreck Uber zum Beispiel oder an das Betten-Portal Airbnb. Das ändert sich gerade.

Kreativität und Talent, da sind sich Branchen-Insider einig, gab’s hierzulande schon immer. Neu aber ist: Jetzt fließt richtig Geld.

Nach Zahlen der Beraterfirma Ernst & Young sammelten deutsche Tech-Pioniere letztes Jahr über 3 Milliarden Euro an Investorengeldern ein. Das war fast doppelt so viel wie 2014. Nirgendwo in Europa ist es mehr.

„Die Start-up-Szene in Deutschland ist damit raus aus den Kinderschuhen“, sagt auch Tim Dümichen, Partner bei der Unternehmensberatung KPMG. Und Christian Rietz, Experte beim Berliner Hightech-Verband Bitkom, sieht die Start-up-Szene mittlerweile „als Innovationstreiber, mancherorts auch schon als Jobmotor“.

Hotspot der quirligen Szene ist die Hauptstadt. Mit sage und schreibe 2.000 Firmen sitzt ein Drittel aller deutschen Start-ups an der Spree. Alle 20 Stunden feiert man hier eine Neugründung – von der Internet-Bude bis hin zur hochspezialisierten Hardware-Schmiede. Weil viele im Stadtteil Mitte ihr Lager aufschlagen, rund um den Prachtboulevard Unter den Linden, spricht man schon scherzhaft von „Silicon Allee“.

Warum Berlin? „Cooles Image, bezahlbare Lebenshaltungskosten, ein funktionierendes Start-up-Ökosystem“, sagt Bitkom-Mann Rietz. „Das zieht gründungswillige Talente aus aller Welt an.“ Schon 30 Prozent der Mitarbeiter von Berliner Start-ups stammen laut einer aktuellen Studie aus dem Ausland. Bundesweit schafft jedes Start-up 18 Arbeitsplätze, in Berlin sind es 28.

Man trifft sie zum Beispiel hier: Schloßplatz 1, das ehemalige Staatsratsgebäude der DDR. Welch Ironie der Geschichte: Wo einst Erich Honecker und Genossen an der Planwirtschaft verzweifelten, weht seit einem halben Jahr purer marktwirtschaftlicher Gründergeist. Hier sitzt im vierten Stock das „German Entrepreneurship Center“ – ein Netzwerk, das die jungen Gründer mit etablierten Industrieunternehmen zusammenbringen soll. Für ein Jahr können sich Start-ups hier mietfrei einquartieren, man brütet über Tastaturen, Tischtennisplatten dienen als Schreibtische. Und Manager von Henkel, RWE, Bosch, alle schauen sie hier regelmäßig vorbei.

Krawatte meets Kapuzenpulli? Christoph Räthke, der als „Director Education“ das Center organisiert, winkt bei solchen Stereotypen ab: „Man begegnet sich hier auf Augenhöhe. Denn beide Seiten brauchen einander!“

Die Gründer hätten die innovativen Ideen, erklärt Räthke. Also die Fähigkeit, auch mal radikal neu zu denken. „Dieses zusätzliche Stück Innovationskraft wollen sich etablierte Firmen sichern.“

Andersrum helfen sie den Start-ups so beim Markteintritt. Ob BASF, BMW oder Siemens: Nahezu alle großen Konzerne unterhalten inzwischen eigene Förderprogramme. „Wenn sie in der Folge auf Lösungen aus der Start-up-Szene zurückgreifen, beispielsweise bei der Digitalisierung von Prozessen, dann hat das enorm positive Effekte für alle“, so Branchenexperte Rietz.

Für Buddyguard, das Alarmanlagen-Start-up, ist der vor ein paar Tagen eingetreten. „Wir haben einen schwäbischen Mittelständler als Produktionspartner gewonnen“, berichtet der Gründer. Gemeinsam will man jetzt die Serienfertigung von Flare anvisieren. „Unsere Geschichte“, sagt Herbert Hellmann, „hat gerade erst begonnen.“


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