Textil-Forscher plaudern aus dem Nähkästchen

Starke Stoffe für unser Jahrhundert


Düsseldorf. Er ist hart, oval, schwarz – und ein Prototyp: Der seltsame Ring, den Wolfgang Nemetz mit beiden Händen hochhält, ist ein Beispiel für die Zukunft der deutschen Textil-Industrie. Nemetz, Forschungsleiter der Firma Saertex Stade, zeigt einen Flugzeug-Fensterrahmen!

Die gut 20 Journalisten im Raum sind verblüfft. Und genau das möchte die Zukunftsinitiative Textil NRW an diesem Vormittag erreichen: Nemetz und andere Forscher sollen der Öffentlichkeit mit Beispielen demonstrieren, wie innovative Textilien auf dem Vormarsch sind.

Leichtere Flugzeuge, stärkere Solarzellen

Etwa die Hightech-Faser­verbund-Werkstoffe („Composites“). Aus so etwas besteht Nemetz’ Prototyp. Gefertigt wurde der Rahmen für den Super-Airbus A380. Tatsächlich eingebaut wird er dort nicht: Noch benötigt die Fertigung zu viele Arbeitsschritte, wie Nemetz sagt. „Aber in ungefähr zehn Jahren wird man das in Flugzeugen sehen“ – da ist sich der Saertex-Mann sicher.

Andere Airbus-Teile sind ja bereits durch die leichten und dennoch sehr stabilen Composites ersetzt worden. Das geringere Gewicht spart Kerosin – erlaubt wahlweise aber auch mehr Passagiere pro Flugzeug.

Ein weiterer Vorteil der Verbundwerkstoffe ist ihre Formbarkeit: „Komplexe Bauteile sind relativ einfach herzustellen“, weiß Nemetz.

Das mache man sich auch im Maschinenbau zunutze, ergänzt Klaus Huneke. Als Vorsitzender des Vereins „Forschungskuratorium Textil“ weiß er: „Man kann die Leistungsfähigkeit von Maschinen durch den Einsatz solcher Materialien steigern.“

Leichtere Werkstoffe sollen zunehmend auch die Baustellen erobern. Beton mit textilem Innenleben statt mit klassischer Stahl-Armierung – das bringe, betont Huneke, eine ganz erhebliche Gewichtseinsparung.

Chemiker Andreas Wego vom Deutschen Textilforschungszentrum Nord-West in Krefeld lässt den Journalisten dann ein ganz anderes Licht aufgehen: Er arbeitet mit Wissenschaftlern anderer Institute an einer flexiblen Solarzelle auf textiler Basis.

Der Weg zu einem „photovoltaischen Gewebe“ ist extrem kompliziert (es geht da um die „Integration wasserlöslicher Elektron-Donor-Acceptor-Nano­hybride“). Wegos Ziel ist ganz einfach zu verstehen: Solarzellen, die einen höheren Wirkungsgrad haben – und dennoch günstiger herzustellen sind. Wann kann man die kaufen? „In sieben, acht Jahren“, schätzt Wego.

Heilmittel im Faden

Schneller will die Aachener Firma Spintec Geld verdienen: „Unser Markteintritt ist für 2011 geplant“, sagt Michael Rheinnecker. Unter seiner Führung arbeitet ein Dutzend Mitarbeiter zum Beispiel daran, medizinische Wirkstoffe schon während des Spinnverfahrens schonend in den Faden einzubringen.

Auch Rheinnecker hat etwas dabei: Was wie ein ganz harmloser Stoff-Schlauch aussieht, entpuppt sich als ein textiles Implantat – eine künstliche Arterie.

Info: Im Einsatz für die Branche

Mit 325 Betrieben und gut 30.000 Beschäftigten stellt Nordrhein-Westfalen ein Viertel der deutschen Textil- und Mode-Industrie. Für die Interessen der Branche kämpft ein nach eigenen Angaben „europaweit einzigartiges“ Bündnis von Arbeitgebern, Gewerkschaft und Landesregierung: die Zukunftsinitiative Textil NRW, kurz „ZiTex“.

Träger der ZiTex sind die Verbände der Nordwestdeutschen Textil- und Bekleidungsindustrie sowie der Rheinischen Textilindustrie, die Wirtschaftsvereinigung Bekleidungsindustrie Nordrhein und die IG Metall.

www.zitex.de

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