Demografie

Städte auf Familien-Fang


Wie Kommunen um ihre Zukunft kämpfen

Es dürfte Tage geben, an denen sich Matthias Wunderling-Weilbier wohl vorkommt wie eine Kreuzung aus Weihnachtsmann und Marktschreier. Dann nämlich, wenn der Bürgermeister der Kleinstadt Schöningen im Braunschweiger Land mal wieder unterwegs ist, um die Vorzüge seiner 12.500-Einwohner-Stadt zu preisen: Die Landschaft, die schöne Altstadt.

Und wenn er wieder Geschenke verteilt: bis zu 29.000 Euro! An all jene, die in seine Stadt ziehen und

sich dort ein Haus zimmern wollen. Denn Schöningen braucht neue Bürger, dringend! In den letzten zehn Jahren sank die Einwohnerzahl um 10 Prozent. Schöningen schrumpft!

81.000 Euro Zuschuss für Familien

Schöningen? Ganz Deutschland schrumpft! Schuld daran ist der demografische Wandel. Laut einer aktuellen Hochrechnung des Statistischen Bundesamts werden 2030 statt heute 82 Millionen nur noch 77 Millionen Bürger in Deutschland leben. Und 2060 nur noch 65 Millionen. Und besonders stark sinkt die Zahl der jungen Menschen.

Vielen Städten droht damit ein Teufelskreis: Sinkende Einwohnerzahlen, dadurch schwindende Steuereinnahmen und geringere Zuschüsse vom Land, brachliegende Infrastruktur, steigende Gebührenbelastung.

Eine solche Aussicht erfreut  keinen Stadtvater. Nach dem Motto „Neubürger herzlich willkommen“ werben sich deshalb immer mehr Kom­munen gegenseitig die Bürger ab. Ob Kuhdorf oder Großstadt: „Zwischen den Städten und Gemeinden wächst überall die Konkurrenz um Einwohner“, bestätigt Lars Holtkamp, Professor für Kommunalpolitik an der Fernuni Hagen.

Bürgermeisters beliebtestes Lockmittel beim Buhlen um Bürger: das Baugeld. So gewährt das hessische Rödermark derzeit jungen Familien einen Zuschuss von 150 Euro pro gekauftem Grundstücks-Quadratmeter, ein Preisnachlass von rund 50 Prozent! Und das Örtchen Kriftel im Vordertaunus zahlt Familien sogar einen Zinszuschuss von bis zu  81.000  Euro.

Die Förderitis ist beileibe kein Provinz-Phänomen: Auch Stuttgart bietet Familien mit vier Kindern beim Kauf städtischer Grundstücke maximal 54.000 Euro Rabatt.

Immer im Fokus der Bürger-Fänger: junge Familien mit Kindern. „Die senken den Altersschnitt, bringen zudem über Grund- und Einkommensteuer sowie Landeszuschüsse das meiste Geld in die Kasse“, sagt Experte Holtkamp.

Geht diese Rechnung auf? Angesichts der vielerorts bekanntlich leeren Stadtkassen? „Die Familienförderung rechnet sich“, glaubt zumindest Hans Schneider, Sprecher der „Aktion pro Eigenheim“, die auf ihrer Website mittlerweile fast 700 kommunale Förderprogramme von Flensburg bis Füssen auflistet.

Kommunale Förder-Fantasien

Seine Argumentation: Gerade bauwillige Familien mit Kindern würden Schulen und Kindergärten wieder besser auslasten, den Einzelhandel stärken, so auch für neue Arbeitsplätze sorgen. Ganz uneigennützig ist seine Logik übrigens nicht: Hinter der „Aktion pro Eigenheim“ steckt der Bundesverband der Baustoffhändler.

Andere Experten sehen die Förder-Fantasien der Kommunen deutlich kritischer. „Ob sich das rechnet?“, fragt beispielsweise Beate Hollbach-Grömig vom Deutschen Institut für Urbanistik in Berlin. „Mir ist nicht bekannt, dass das mal irgendwo wirklich nachgerechnet worden wäre.“ Hollbach-Grömig hält weiterhin dagegen: Die ganze Abwerberei sei ja lediglich die Umverteilung desselben Bevölke- rungskuchens. „Nur versucht jeder, sich ein größeres Stück zu sichern. An der demografischen Entwicklung ändert das nichts.“

Auch die Bertelsmann Stiftung in Gütersloh sieht die Acker-zu-Bauland-Strategie der Kommunen kritisch. „Das ist kurzfristiges Denken“, sagt der Leiter des Projekts „Lebens- werte Kommune“, Carsten Große Starmann. Statt in Baugebiete sollten Städte und Gemeinden besser in Infrastruktur und Lebensqualität investieren, um den Bevölkerungsschwund zu stoppen. „Man muss attraktiv sein für qualifizierte Arbeitskräfte, für die Vereinbarkeit von Job und Familie sorgen.“ Einfach Baugebiete zu erschließen, führe nicht zum Ziel: „Die kriegen die doch gar nicht mehr voll.“

Jahreskarte fürs örtliche Spaßbad

Auch Schöningen nicht, trotz aller Ideen von Bürgermeister Wunderling-Weilbier. Neben Baugeld spendiert er Schöninger Neubürgern einen kostenlosen Kita-Platz, eine Jahreskarte fürs örtliche Spaßbad, eine Bahncard, eine kommunale Pendlerpauschale von 22 Cent pro Kilometer Arbeitsweg und einen Zweitwagenzuschuss von 2.500 Euro.

Seit drei Jahren läuft das Förderprogramm in der Stadt. Magere Bilanz: zehn zugezogene Familien.

 

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