Themenspecial: Standort Baden-Württemberg

Stabile Wertschöpfungsketten und gefährliche Kostentreiber

In einer umfangreichen Studie erforscht das Institut der deutschen Wirtschaft Köln (IW), wie es um die Zukunft der Industrie in Baden-Württemberg steht. Dazu hat AKTIV den Volkswirt Thorsten Lang interviewt.

Erforscht die Zukunft des Standorts: Ökonom Thorsten Lang. Foto: Roth

Erforscht die Zukunft des Standorts: Ökonom Thorsten Lang. Foto: Roth

Köln/Stuttgart. Wie steht es um die Zukunft der Industrie in Baden-Württemberg? Das hat das Institut der deutschen Wirtschaft Köln (IW) in einer umfangreichen Studie erhoben. Im Interview mit AKTIV macht Mitautor Thorsten Lang Stärken und Risiken deutlich.

Wo liegen die größten Stärken des Standorts Baden-Württemberg?

Zu den größten Standortvorteilen gehört die Innovationsstärke vieler Unternehmen, unterstützt durch ein großes Angebot an Forschungseinrichtungen und Hochschulen. Und es gibt sehr gut ausgebildete Fachkräfte, das betonen die Unternehmen immer wieder. Sie tragen dazu bei, dass der Standort so gut dasteht. Außerdem haben wir durch die hohe Industriedichte im Südwesten vollständige Wertschöpfungsketten: Alle Stufen der Produktion sind abgedeckt. Das macht die Industrie hier stabil.

Können wir also entspannt in die Zukunft schauen?

Nein, natürlich nicht. Denn Industrie ist immer im Wandel. Gerade jetzt stehen die Betriebe vor gewaltigen Herausforderungen, etwa durch die Digitalisierung. Da stellt sich die große Frage, wo künftig die Wertschöpfung stattfindet, also: Wo wird das Geld verdient? Eher in den IT-Unternehmen oder doch in den Industriebetrieben?

Gibt es weitere Risiken?

Ja, auch das haben wir mit unserer Studie erhoben. Ein erhebliches Risiko sind die hohen Arbeitskosten. Die müssen durch andere Standortvorteile ausgeglichen werden. Bedeutet: Immer wenn die Arbeitskosten steigen, müssen auch die Standortvorteile weiter verbessert werden. Es ist ein Wettlauf mit den Kosten. Und der wird immer schwieriger, da die Produktivität seit den Krisenjahren 2008/2009 nicht mehr so stark zunimmt wie davor.

Woran liegt das denn?

Ein Grund liegt in der Weltwirtschaft, die sich nicht mehr so stabil entwickelt. Es gibt viel mehr Schwankungen. Wenn ein Unternehmen bei Schwankungen nicht die Flexibilität hat, um den Arbeitseinsatz anzupassen, dann schlägt das auf die Produktivität durch.

Was sind die größten Kostentreiber?

Das sind zum einen die hohen Tarifabschlüsse. Seit den Krisenjahren sind die tariflichen Arbeitskosten um knapp 20 Prozent gestiegen. Die Produktivitätsentwicklung hat damit nicht Schritt gehalten. Außerdem steigen die Lohnnebenkosten und die Energiekosten, durch die Energiewende.

Wie reagiert die Metall- und Elektro-Industrie auf diese Situation?

Beim Umgang mit den Arbeitskosten sehen wir zweierlei: Einmal das große Thema Automatisierung, um die Produktivität zu optimieren. Ein anderer Weg, der zunehmend gegangen wird, ist der Ausbau der Auslandsproduktion. Gerade kostenintensive Teile der Fertigung werden immer häufiger ins Ausland verlagert.

Lässt sich das mit Zahlen belegen?

Ja, wir haben das in unserer Studie erhoben. 1995 betrug der Bestand der baden-württembergischen Industrie im ausländischen verarbeitenden Gewerbe noch 12,7 Milliarden Euro, 2015 waren es schon 69,5 Milliarden Euro. Im Vergleich zu inländischen Investitionen zeigt sich: Die Dynamik hat im Ausland stattgefunden und weniger in Baden-Württemberg. Als Hauptgrund gibt die Hälfte der Unternehmen die hohen Kosten an. Der zweitwichtigste Grund ist die Marktnähe, das nennt rund ein Viertel der Betriebe.

Welche Folgen hat das für den Standort Baden-Württemberg?

Wir haben bisher noch einen Stellenaufbau, weil die Nachfrage nach unseren Produkten weiterhin wächst. Doch in den Unternehmen findet schon ein Wandel statt. Das zeigt sich bei den einfachen Tätigkeiten. Die Betriebe erwarten einen Rückgang beim Anteil einfacher Tätigkeiten von 34 Prozent im Jahr 2010 auf nur noch 25 Prozent bis zum Jahr 2025.

Profitiert der Standort nicht auch davon, dass einfache Tätigkeiten ins Ausland abwandern?

Bei manchen Betrieben mögen es die Anwohner vielleicht wegen des Geruchs oder Lärms angenehm finden, wenn diese verlagert werden. Doch wenn Teile der Wertschöpfungskette ins Ausland wandern, ist die Gefahr groß, dass weitere folgen. Gerade die enge Zusammenarbeit von Produktion und Entwicklung macht ja einen wichtigen Standortvorteil aus. Wenn diese Wertschöpfungsketten auseinanderreißen, wird es schwieriger, neue Entwicklungen und Optimierungen in der Produktion einzuführen. Vor diesem Hintergrund sehe ich die Dynamik der Entwicklung im Ausland mit Sorge.


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