Chancen

Sprung in die Zeitarbeit


Eine Branche im Aufwind: Davon profitieren auch die Beschäftigen

München. Der Fall Schlecker machte zu Jahresbeginn Schlagzeilen – und brachte die Zeitarbeit in Verruf. Denn die Drogeriekette hatte Beschäftigte entlassen und dann in einer hausinternen Verleihfirma als billigere Zeitarbeiter wieder eingestellt.

Der Verdacht liegt nahe, dass Schlecker damit nur das Ziel verfolgte, einer Bezahlung der Stammbelegschaft nach dem höheren Branchentarifvertrag auszuweichen.

Ein solcher Missbrauch ist nach den jüngsten Tarifabschlüssen in der Zeitarbeitsbranche verboten: Unternehmen dürfen Mitarbeiter nicht entlassen und anschließend als Leihkräfte beschäftigen.

Schlecker war ohnehin eine unrühmliche Ausnahme. Denn in der Regel leihen Unternehmen Arbeitskräfte von speziellen Anbietern, den Zeitarbeitsfirmen. Das hat Vorteile. Betriebe können sich kurzfristig mit Leihkräften verstärken, um etwa Großaufträge pünktlich zu erledigen.

Flexibilität ist so garantiert. Und die Zeitarbeiter finden eine Beschäftigung. Zudem haben sie die Chance, den Sprung in eine Stammbelegschaft zu schaffen.

Mitarbeiterzahl steigt

Die Kritik, Unternehmen wollten mit der Zeitarbeit in erster Linie Kosten senken, läuft abgesehen von einer Ausnahme wie Schlecker ins Leere. Holger Schäfer, Arbeitsmarkt-Experte im Institut der deutschen Wirtschaft Köln (IW), weist darauf hin, dass die Unternehmen nicht die Zeitarbeiter entlohnen, sondern die Zeitarbeitsfirmen bezahlen. „Und das kann das Doppelte von dem sein, was der Zeitarbeitnehmer brutto verdient“, sagt Schäfer.

Schlecker hin oder her: Mit der Konjunktur belebt sich jetzt auch die Zeitarbeit. Aktuell beschäftigt die Branche in Deutschland nach eigenen Schätzungen 680.000 Mitarbeiter – Zahlen der Bundesagentur für Arbeit gibt es erst mit Verzögerung.

Ein Blick in die Statistik der Bundesagentur zeigt, dass der bisherige Höchststand mit 823.000 Zeitarbeitnehmern im Juni 2008 erreicht wurde. Dann ging es in der Krise bis auf 580.000 im April des vergangenen Jahres runter. Seitdem steigt die Zahl wieder.

Hartmut Lüerßen, Partner im Marktforschungsunternehmen Lünendonk, hält einen Anstieg auf eine Million bis zum Jahr 2012 für denkbar. „Das hängt allerdings von der wirtschaftlichen Entwicklung ab“, fügt er hinzu.

Mit einer weiter wachsenden Nachfrage rechnet Lüerßen aber auf jeden Fall. „Die Krise hat den Unternehmen deutlich gemacht, dass sie nicht mehr so langfristig planen können.“

Wer schon zuvor Zeitarbeiter eingesetzt habe, habe vor ein bis zwei Jahren auf die starken Rückgänge von Auftrag und Produktion schneller reagieren können, berichtet Lüerßen aus seinen Gesprächen  mit  Unternehmern.

Perspektiven bietet die Zeitarbeit aber auch den Beschäftigten. Vielen öffnet sie die Tür, um auf den Markt für Jobs zurückzukehren.

Im ersten Halbjahr 2009 kamen laut Bundesagentur knapp 355.000 Leihkräfte in Deutschland neu hinzu. Fast die Hälfte von ihnen hatte zuvor ein bis zwölf Monate lang keine Beschäftigung. 8 Prozent waren sogar ein Jahr oder länger ohne Arbeit, und 7 Prozent noch nie beschäftigt.

Stammkräfte nicht verdrängt

Insgesamt ist der Anteil der Arbeitnehmerüberlassung in Deutschland aber relativ gering. Auf dem bisherigen Höhepunkt 2008 waren etwa 2 Prozent aller Beschäftigten als Leihkräfte tätig.

Deutschland liegt damit etwa im europäischen Durchschnitt. Am höchsten sind die Raten in Großbritannien (2008: 4,1 Prozent), in den Niederlanden (2,9 Prozent) und in Frankreich (2,3 Prozent). „Die Bedeutung der Zeitarbeit ist bei uns überschaubar“, sagt IW-Fachmann Schäfer. „Von einer Verdrängung der Stammbelegschaften kann daher keine Rede sein."

Artikelfunktionen


'' Zum Anfang