Armutsrisiko

Spielsucht!


„Glücksspielstaatsvertrag“ sollte das Problem bekämpfen – Beratungsstellen platzen aus allen Nähten

Stuttgart. Manfred Berger (42, Name geändert), Gas-Wasser-Installateur aus Rheinland-Pfalz, war spielsüchtig. Das fing schon in seiner Jugend an: „Mein Pflegevater setzte mich in

seiner Stammkneipe vor den Spielautomaten“, erzählt er. Er selbst verzockte sein erstes Geld. Zum Beispiel, wenn es in der Beziehung kriselte. Er spielte oft nachts, war in der Arbeit müde. Er log, machte Schulden ...

Vor fünf Jahren wusste er einfach nicht mehr weiter. „Ich wollte mit dem Auto gegen eine Brücke donnern“, erinnert er sich. „Dann aber verließ mich der Mut.“ Zum Glück. Berger ging zu einer Beratungsstelle.

Vorschriften gelten nicht für Spielhallen

Die Anlaufstellen für Spielsüchtige kommen aus dem Beraten gar nicht mehr heraus. Paradox: Eigentlich hat die Bundesregierung nämlich die Spielsucht per Gesetz bekämpft. Anfang 2008 ist dazu der „Glücksspielstaatsvertrag“ in Kraft getreten. Ein Schuss in den Ofen, sagen Experten: Das Gesetz schafft zwar ein staatliches Monopol für Lotto, Wetten und Sportwetten. Aber ausgerechnet Spielhallen sind von der Regulierung ausgenommen.

„Das ist ein großes Manko“, kritisiert Professor Tilman Becker, der an der Uni Hohenheim in Stuttgart die Forschungsstelle Glücksspiel leitet. „Das ist so, als wenn man sagt, alkoholfreies Bier sei so gefährlich, dass es verstaatlicht werden muss – aber im Gegenzug kann an jeder Straßenecke Schnaps verkauft werden.“

Das meiste Suchtpotenzial berge das Automatenspiel, sagt Becker. Er warnt: Durch die neuerdings verstärkten Kontrollen in den staatlichen Casinos  „flüchten sich viele Süchtige in die Spielhallen“.

Studien konnten nicht nachweisen, dass es „Lottosüchtige“ überhaupt gibt. Die staatliche Doppelmoral ist auch der EU-Kommission aufgefallen. Sie hat ein Verfahren gegen Deutschland eingeleitet. Ihr Argument: Ein Staat könne nicht „vorgeben“, dass er den Zugang der Bürger zu Wettangeboten einschränken müsse, „wenn er sie gleichzeitig dazu ermuntert, an staatlichen Glücksspielen teilzunehmen“. So sei das Angebot an Spielautomaten stark ausgeweitet worden, gibt Brüssel zu bedenken.

Der Weg in die Schuldenfalle

Die Zahlen: Im Jahr 2005 gab es bundesweit rund 183.000 Glücksspielautomaten mit Geldgewinn-Möglichkeit, 2008 waren es schon 225000. Dagegen gingen die Einsätze im Deutschen Lotto- und Totoblock im letzten Jahr um 12 Prozent zurück.

Natürlich sind Spielautomaten an sich nicht gefährlich. Sie sind Teil unserer Freizeit-Industrie, Millionen Bürger können damit normal umgehen: Laut Experte Becker nimmt jeder Zweite regelmäßig an Glücksspielen teil. Aber manche werden eben süchtig. Wie Manfred Berger. Er verspielte sein Geld hauptsächlich in Spielhallen. Heute ist er arbeitslos, lebt von Hartz IV. „Ich hatte so viele Spielschulden, dass ich Verbraucher-Insolvenz anmelden musste“, erzählt er.

Eine solche zweite Chance für Privatleute gibt es seit 1999: Sie müssen sechs Jahre lang jede zumutbare Arbeit annehmen, behalten vom Lohn 985 Euro im Monat (bei Kindern mehr) – und der Rest geht über einen Treuhänder an die Gläubiger.

Vor der Therapie steht die Einsicht

Überschuldung ist ein typisches Begleitproblem von Spielsucht. Die Regierung vermutet, dass es bundesweit bis zu 400.000 Spielsüchtige gibt. Und das Problem wächst. So musste die Spielerberatungsstelle der Evangelischen Gesellschaft in Stuttgart letztes Jahr sogar Hilfesuchende wegschicken. 273 machten eine Einzelberatung, 2007 waren es 224. Berater Martin Epperlein: „Die Zahlen steigen seit Jahren.“

Ähnlich geht es der auf Sucht spezialisierten „Fachklinik St.Marienstift Dammer Berge“ im niedersächsischen Neuenkirchen. Sie richtete extra eine neue Therapiegruppe ein. Zwei Drittel aller Spieler seien überschuldet, weiß Chefarzt Egbert Herrmann. Er betont: „Spielern kann erst geholfen werden, wenn sie zu einer Veränderung bereit sind.“

Auch Manfred Berger machte eine stationäre Therapie. Und hat seine Sucht seit fünf Jahren im Griff. Jetzt will er einen neuen Arbeitsplatz finden. Spielautomaten locken ihn nicht mehr: „Wenn ich den Kopf freikriegen will, dann gehe ich spazieren“, meint er, „und versuche meine Probleme konkret zu lösen, statt wie früher am Automaten die Wirklichkeit auszublenden.“

Info: Der „Glücksspielstaatsvertrag“

Das Regelwerk trat Anfang 2008 in Kraft und sichert das staatliche Monopol auf Lotto und Sportwetten. Angeblich ist das Hauptziel, die Spielsucht zu bekämpfen – andernfalls wäre der Eingriff in den freien Markt nicht mit dem Grundgesetz vereinbar. Für die staatlich konzessionierten Lotto-Annahmestellen, Wettbüros und Casinos gilt eine Vielzahl von Regeln. So müssen Lottoscheine von Süßwaren getrennt ausliegen, Casinos müssen auffällige Zocker sperren, die Werbung ist stark eingeschränkt.

Spielhallen sind ausgeklammert. Hier greift nur eine allgemeine Info-Kampagne gegen Spielsucht.

Sind Sie gefährdet? Wenn von diesen zehn Punkten fünf zutreffen, spricht man von Spielsucht

  • Der Spieler ist stark eingenommen vom Glücksspiel.
  • Er kommt nur durch steigende Einsätze in Stimmung.
  • Er unternahm erfolglos Kontroll- oder Abstinenzversuche.
  • Wenn er nicht spielen kann, wird er unruhig und gereizt.
  • Er spielt als Flucht vor Problemen oder negativer Stimmung.
  • Wenn er verliert, will er es sofort wieder ausgleichen.
  • Er belügt andere, um das Spielausmaß zu vertuschen.
  • Er finanziert seine Sucht durch illegale Handlungen.
  • Das Spielen wirkt sich in anderen Lebensbereichen aus, etwa durch den Verlust von Beziehungen und des Arbeitsplatzes.
  • Der Spieler verlässt sich auf andere als „Geldgeber“.

Näheres unter: www.spielen-mit-verantwortung.de

Artikelfunktionen


Diese Beiträge könnten Sie auch interessieren:

'' Zum Anfang