Tarifvertrag

Sozialpartner gestalten im „Potsdamer Modell“ die Zukunft gemeinsam

Die Arbeitgeber und Arbeitnehmer wollen die Arbeitszeit in der ostdeutschen chemischen Industrie flexibel gestalten. Möglich macht dies der Tarifvertrag „Potsdamer Modell“, der nun aktiv umgesetzt wird.

Teamarbeit: Ralf Clemens (Arbeitgeber) und ­Christian Jungvogel (rechts, Gewerkschaft). Foto: Deutsch

Teamarbeit: Ralf Clemens (Arbeitgeber) und ­Christian Jungvogel (rechts, Gewerkschaft). Foto: Deutsch

Angeregte Gespräche: Auch in den Pausen wird miteinander diskutiert. Foto: Deutsch

Angeregte Gespräche: Auch in den Pausen wird miteinander diskutiert. Foto: Deutsch

Erwartungsvoll: Die Teilnehmer der Veranstaltung in Potsdam. Foto: Deutsch

Erwartungsvoll: Die Teilnehmer der Veranstaltung in Potsdam. Foto: Deutsch

Potsdam. Der Beratungssaal im Seminaris-Hotel ist voll, es herrscht gespannte Erwartung: In der brandenburgischen Hauptstadt Potsdam beraten die Sozialpartner darüber, wie man künftig die Arbeitszeit flexibel gestaltet – nach dem im Mai abgeschlossenen Tarifvertrag, bekannt als das „Potsdamer Modell“.

Eingeladen haben der Arbeitgeberverband Nordostchemie und die Gewerkschaft IG BCE. Unter dem Motto „Moderne Arbeitszeitgestaltung in der ostdeutschen chemischen Industrie“ geht es ihnen darum, die gemeinsam beschlossenen Regelungen bestmöglich in der Praxis umzusetzen. Jetzt wird ganz konkret überlegt: Welche Möglichkeiten bestehen, was geht und was geht nicht?

Hier wollen alle mitarbeiten, gleich 230 Vertreter sind aus den Firmen nach Potsdam zur Sozialpartnerveranstaltung gekommen – ein Rekord. Jetzt sprechen Betriebsräte und Geschäftsführer miteinander, Personaler, hauptamtliche Gewerkschafter und Experten des Arbeitgeberverbands. Die Debatten sind engagiert, auch in den Pausen laufen die Diskussionen weiter.

Auffällig ist: Vom Beginn an prägt ein „gemeinsamer Geist“ diese Zusammenkunft. Das betonen Thomas Naujoks (Arbeitgeber) und Peter Hausmann (IG BCE) als ehemalige Verhandlungsführer auch im Rückblick auf den „Spirit“ der erfolgreich beendeten Tarifrunden.

Diese Partnerschaft setzt sich in Potsdam fort: Drei jeweils von Arbeitgeber- und Arbeitnehmerseite besetzte Teams zeigen die großen Linien der Tarifeinigung noch einmal auf:

  • Den Tarifvertrag LephA-TVplus mit den Ergänzungen zu Qualifizierung und betrieblichem Gesundheitsmanagement.
  • Die kollektiven und individuell möglichen Regelungen, die sich aus dem zu vereinbarenden Arbeitszeitkorridor in den Unternehmen von 32 bis 40 Wochenstunden ergeben.

Anschließend stellen sich die Teams in Diskussionsforen den Fragen der Tagungsteilnehmer. Jemand möchte etwa wissen, wie die Altersfreizeiten künftig gehandhabt werden, wenn die reguläre Wochenarbeitszeit sinkt.

Die Teams nehmen aber auch Anregungen aus der bisherigen Praxis der Firmen auf. So berichten Teilnehmer von strategischen Zielen und Teamarbeit, um betriebliches Gesundheitsmanagement mit Leben zu füllen. Interesse weckte etwa eine Regelung bei Bayer: Das Unternehmen hilft Mitarbeitern während der betrieblichen Wiedereingliederung nach langer Krankheit, die Belastungen zu reduzieren.

Am Ende der Veranstaltung zeigen sich Nordostchemie-Arbeitgeberpräsident Jürgen Fuchs und Oliver Heinrich, Landesbezirksleiter der IG BCE, von der Neugier, dem Engagement und dem Optimismus der Teilnehmer beeindruckt: Der Herausforderung, den Tarifvertrag in jedem einzelnen Betrieb umzusetzen, stünde nichts entgegen, so ihr Fazit. Noch offene Fragen will man in speziellen sozialpartnerschaftlichen Teams klären und Betriebe vor Ort nach Kräften unterstützen.


Interview

Foto: Nordostchemie
Foto: Nordostchemie

Nora Schmidt-Kesseler, Hauptgeschäftsführerin des Arbeitgeberverbands Nordostchemie

Was ist das Besondere am Potsdamer Modell?

Der Manteltarifvertrag sieht einen Korridor von 32 bis 40 Stunden vor, in dem man sich auf betrieblicher Ebene einigen kann – auch individuelle Vereinbarungen sind möglich. Mit der flexiblen Arbeitszeitgestaltung ist das „Potsdamer Modell“ deutschlandweit einzigartig. Es hilft den Betrieben, sich im Wettbewerb um Fachkräfte und Investitionen zu behaupten. Das hat für uns als Sozialpartner oberste Priorität, denn wir möchten den Chemiestandort Ostdeutschland noch attraktiver machen. 

Wie profitieren Arbeitnehmer?

Die Menschen möchten Beruf und Privates unter einen Hut bekommen. Die neuen Arbeitszeitinstrumente ermöglichen es ihnen, ihre Arbeitszeit bedarfsgerecht zu gestalten. Zum Beispiel, um mehr Zeit für Familie, Kinder oder Eltern zu haben. Genau das macht die Arbeitsplätze in der Ostchemie jetzt attraktiver und zieht junge Leute an. Ein wichtiger Aspekt, denn damit treten wir den Auswirkungen des demografischen Wandels tatkräftig entgegen.

Ihr Fazit?

Wir haben einen zukunftsweisenden Abschluss und damit etwas Neues und bislang Einzigartiges geschaffen. Ich würde sagen, einen Meilenstein in der Tarifpolitik und sicher auch beispielgebend für andere Branchen. 

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