Standpunkt

Solides Lohn-Plus


Wie die Entwicklung unseres Wohlstands mit allen Tricks schlechtgeredet wird

Unlängst war zu lesen: Das Lohneinkommen des deutschen Arbeitnehmers liegt im Vergleich der Industriestaaten auf Rang elf – nach Rang sechs ein Jahrzehnt zuvor. Und im Aufschwung-Jahr 2010 stiegen die Tariflöhne nur um 0,9 Prozent. Geht es abwärts mit dem Wohlstand? Ist Deutschland gar „Niedriglohnland geworden“, wie Klaus Wiesehügel, Chef der Bau-Gewerkschaft, meint?

Bei solchen Themen mit Empörungspotenzial führen uns Presse, Radio und TV gern in die Irre. So sind in den 0,9 Prozent die Einmalzahlungen nicht mit drin (etwa im größten Industriezweig Metall und Elektro 320 Euro). Das war der amtlichen Mitteilung noch zu entnehmen – der Meldung der Nachrichtenagentur nicht mehr.

Unter den Tisch fiel auch, dass es bei der Bilanz des letzten Jahres sehr auf den Vergleichszeitraum ankommt. Die 0,9 Prozent sind der Zuwachs von Januar 2010 bis Januar 2011. Doch gewerkschaftsnahe Fachleute verglichen den Jahresdurchschnitt 2010 mit 2009. Ihr Fazit: Die Tariflöhne stiegen um 1,8 Prozent, zwei Drittel stärker als die Preise – ein Wohlstandsgewinn also.

Und die Meldung, wonach unser Lohneinkommen im letzten Jahrzehnt von Rang sechs auf elf fiel? Das hat vor allem zwei Gründe: Viele (Langzeit-)Arbeitslose mauserten sich, immerhin, zu Niedriglohn-Beziehern – und die Teilzeiter nahmen von 3,8 auf 5,3 Millionen zu. Beides senkt das Durchschnittseinkommen pro Beschäftigtem. Aber es berührt in keiner Weise die etablierten Vollzeitkräfte.

Im internationalen Vergleich sind die Stundenlohn-Zuwächse im letzten Jahrzehnt allerdings moderat ausgefallen: Die Kosten je Stunde Industrie-Arbeit lagen im Jahr 2000 noch auf dem höchsten Niveau weltweit – und liegen nach neuesten Daten auf dem vierten Platz, nach Norwegen, Belgien und der Schweiz.

Soll man das als Verlust des Lohnweltmeister-Titels bejammern? Wichtiger ist doch, dass die besonnene Lohnpolitik zu weniger Entlassungen in der Krise und mehr Neueinstellungen seither geführt hat. Im Ausland spricht man sogar schon von einem „zweiten deutschen Wirtschaftswunder“.

Künftig werden wir wieder höhere, nicht zuletzt übertarifliche Zuwächse erleben. Weil im Aufschwung und zudem wegen der rückläufigen Schulabgänger-Zahlen die Fachkräfte knapp werden. Und Knappheit ist der einzige solide (nicht mutwillig Arbeitsplätze vernichtende) Anlass für reale Preissteigerungen am Arbeitsmarkt.

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