Online-Debatten im Wahljahr 2017

Social Bots: Wie Meinungsroboter politisch Stimmung machen und Themen pushen

Manchmal spucken sie ihre Kurznachrichten aus 1.000 Accounts ins Netz. So versuchen Meinungsroboter, politische Debatten zu manipulieren. Betrieben werden sie von Computer-Freaks, nicht unbedingt von Geheimdiensten.

Bild: Tomicek

Grafik: Tomicek

Köln. Was läuft schief im Umgang mit potenziellen Terroristen? Wie war das mit der Polizei in Köln an Silvester? Bei solchen Fragen informieren sich viele Menschen heute in sozialen Medien wie Twitter und Facebook. Was sie nicht wissen: Je nach Thema kommen bis zu 20 Prozent der Meldungen und Einschätzungen von Meinungsrobotern, wie „Social Bots“ in der Umgangssprache genannt werden.

Diese Entwicklung beunruhigt viele Politiker. Erst kürzlich beschäftigte sich der Digital-Ausschuss des Bundestags mit den Meinungs-Bots. „Die Maschinen versuchen, in sozialen Netzwerken politisch Stimmung zu machen“, erklärt Professor Dietmar Janetzko von der Hochschule Cologne Business School. Der Wirtschafts-Informatiker zählt zu den führenden Forschern auf diesem Gebiet. Für problematisch hält er, dass sie viele Kurznachrichten ins Netz setzen und so Themen „künstlich pushen“ und Debatten „am Köcheln halten“ können.

Was jedoch sind Social Bots? Ursprünglich etwas Nützliches. „Anders als der Name sagt, sind das keine Roboter, sondern Programme“, erklärt der Experte. „Im Auftrag von Firmen geben sie zum Beispiel automatisch Antwort auf Kundenfragen.“ Inzwischen aber nutzen auch Hacker die Bots, um Stimmung zu machen, etwa mit Hass-Kommentaren in sozialen Netzwerken.

Janetzko: „Einmal programmiert, arbeiten Bots selbstständig. Dabei täuschen sie eine menschliche Identität vor.“ Über Schlüsselbegriffe klinken sie sich in Debatten bei Twitter oder Facebook ein. Oder sie verbreiten gezielt Äußerungen anderer Nutzer weiter.

50 und mehr Tweets am Tag spucken Bots ins Netz. Oder sie schicken ihre Meldungen orchestriert von 1.000 Accounts ab. „So verzerren sie Diskussionen und lassen Themen wichtiger erscheinen, als sie sind“, so Janetzko.

Dahinter stehen nicht unbedingt Geheimdienste. Computer-Freaks programmieren einen einfachen Bot in einer halben Stunde. Oder kaufen die Software im Netz. Auch gefakte Nutzerprofile erhält man dort. 1.000 Accounts kosten 40 bis 140 Euro. Daher dürften Bots weitverbreitet sein. Bei Twitter etwa hält Janetzko einen Anteil von 20 Prozent für „realistisch“.

Regierung plant „Abwehrzentrum gegen Desinformation“

Letztes Jahr trommelten Bots in Großbritannien unter anderem mit Falschmeldungen für den EU-Austritt. Auch bei der Präsidentenwahl in den USA mischten sie mit. Das Bundesinnenministerium plant daher nun ein „Abwehrzentrum gegen Desinformation“.

Insider Janetzko hofft, dass die Politik nicht überreagiert. „Längst nicht jeder User ändert seine Überzeugung, weil er Kommentare in sozialen Netzwerken liest“, sagt der Professor, fordert aber mehr Forschung dazu.


Mehr zum Thema:

Er ist ein junger Markt und entsprechend wild in Bewegung: Start-ups aus der Finanzwelt („Fintechs“) und etablierte Banken pushen die automatisierte Geldanlage per Robo-Advisor. Was ist davon zu halten?

Flüchtlinge, Terror, die Kölner Silvesternacht – bei Themen wie diesen mischen sich häufig auch Meinungs-Bots in die Debatten in sozialen Netzwerken. Doch wie kann man sie identifizieren? Ein Experte nennt uns Anhaltspunkte.

Artikelfunktionen


Diese Beiträge könnten Sie auch interessieren:

'' Zum Anfang