Ukraine-Krise

So wird Deutschland unabhängiger vom russischen Erdgas

Bauchiger Riese: Ein Schiff liefert in Rotterdam Flüssiggas an. Foto: dpa

Berlin/Wien. Im Ukraine-Streit macht Bundeskanzlerin Angela Merkel Druck: „Ich hoffe, dass wir da nicht hinkommen müssen“, sagt sie – aber damit Russland merkt, wie ernst es ihr ist, hat sie „eine neue Betrachtung der gesamten Energiepolitik“ angekündigt. Das erklärte Ziel: Deutschland soll von russischem Erdgas unabhängiger werden.

Zuletzt kamen jährlich rund 37 Milliarden Kubikmeter Gas per Pipeline aus Russland: 38 Prozent des hier verbrauchten Erdgases – und 9 Prozent des gesamten Energieverbrauchs. So viel gälte es im Fall der Fälle zu ersetzen.

Denn Gaskraftwerke sind wichtig: Sie sind weniger klimaschädlich als etwa Kohlekraftwerke und lassen sich schnell hoch- und runterfahren. Mit zusätzlichen Verkäufen durch unsere Gaslieferanten Nummer zwei und drei, Norwegen und Niederlande, könnte man die Lücke nicht schließen.

Das ist eher mit Flüssiggas möglich. „Damit ließe sich rein rechnerisch schon 2017 der komplette Gas-Import aus Russland ersetzen“, sagt Kurt Oswald, Partner im Wiener Büro der internationalen Unternehmensberatung A. T. Kear­ny, im Gespräch mit AKTIV.

In Ländern wie Katar oder Indonesien ist genug Flüssiggas vorhanden: Das bei der Erdölförderung entstehende Gas wird nicht mehr wie früher üblich abgefackelt, sondern auf minus 165 Grad gekühlt und dann flüssig per Spezialschiff transportiert. „In nächster Zeit kommen die USA, Kanada und Aus­tralien als neue Lieferanten hinzu“, sagt Oswald. Allein in den USA entstehen derzeit fünf sogenannte LNG-Terminals – und Kanadas Premierminister Stephen Harper rückte jüngst bei seinem Berlin-Besuch die „enormen Energieressourcen“ seines Landes in den Blick.

Und Europa, erklärt der Experte von A. T. Kearney, „hat freie Importkapazitäten, die die Einfuhr aus Russland sogar übersteigen“. Die rund 30 LNG-Terminals an den Küsten „sind nur zu weniger als einem Drittel ausgelastet“.

Oswald benennt aber drei Probleme. „Erstens müsste das Pipeline-Netzwerk ausgeweitet oder angepasst werden, um das Gas von den Terminals zum Verbraucher im Binnenland zu bringen.“ Also weitere Investitionen in Infrastruktur, zusätzlich zum Ausbau der Stromtrassen. Zweitens müsste die Flotte der Spezialtanker (Stückpreis: 220 Millionen Euro) schnell wachsen.

„Und drittens würde sich, wenn Europa diese Option zieht, der europäische Gaspreis von derzeit 22 auf deutlich über 30 Euro pro Megawattstunde erhöhen.“ Der Grund: „Europas Durst auf diese Energie konkurriert dann mit der boomenden Nachfrage in Asien.“


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