Aus vielen Teilen wird ein Ganzes

So wichtig sind Werkverträge und Zeitarbeit für deutsche Unternehmen

München/Kempten/Landshut. Geheizt wird bekanntlich dann, wenn es kalt ist. Das spürt auch der Elektromotoren-Hersteller ebm-papst, der in seinem Landshuter Werk Gebläse für Gasheizungen fertigt. Wenn es auf den Herbst und Winter zugeht, brummt das Geschäft. Dann braucht man hier zusätzliche Mitarbeiter.

„Wir nutzen Zeitarbeit zur Abdeckung von Auslastungsspitzen und zur Vertretung in Krankheits- und Urlaubsfällen“, sagt Kai Gebhardt, der Leiter Personal- und Sozialwesen. „Und zwar vorwiegend in unserem Fertigungsbereich.“ Bis zu 80 Mitarbeiter von Zeitarbeitsfirmen sind dann zusätzlich zur eigenen Belegschaft von rund 1.000 Beschäftigten in dem Werk tätig.

So wie ebm-papst nutzen viele Unternehmen Zeitarbeiter. Man braucht beim Personaleinsatz Flexibilität – auch um „bei geringerer Nachfrage Entlassungen zu vermeiden“, wie Jochen Frey, Sprecher des Autobauers BMW, sagt. Nach der jüngsten Statistik (erstes Halbjahr 2014) gab es über alle Branchen und ganz Deutschland gerechnet 837.000 Zeitarbeitnehmer. Bezogen auf alle sozialversicherungspflichtig Beschäftigten sind das nur 2,5 Prozent.

Es entscheidet jede Firma selbst, wie die Arbeitsteilung läuft

Trotz des geringen Anteils ist die Zeitarbeit für viele Unternehmen sehr wichtig, um flexibel auf die Auftragslage reagieren zu können. Dagegen ist der Einsatz von Werkverträgen eine Frage des Geschäftsmodells: Sie werden vergeben, weil kein Unternehmen alles selbst machen kann. Im Rahmen der Arbeitsteilung produzieren Unternehmen das, was sie am besten können – und vergeben anderes per Werkvertrag an spezialisierte und daher effiziente und preisgünstige Anbieter.

Ein typisches Beispiel für dieses Prinzip ist die Kantine. Warum sollte ein Autohersteller mit eigenen Angestellten kochen, wenn Spezialisten das viel besser können? Das gilt sinngemäß auch für Autoradios, Sitze, Reifen oder Cockpits: Sie werden, wo es betriebswirtschaftlich keinen Sinn ergibt, ebenfalls nicht selbst produziert, sondern von Fremdfirmen beigesteuert.

Der Auftraggeber zahlt dafür einen festen Preis. „Wir vergeben Werkverträge an Unternehmen, die beispielsweise spezialisierte Leistungen außerhalb unseres Kerngeschäfts anbieten“, berichtet der BMW-Sprecher. „Das kann ein IT-Dienstleister sein – aber klassischerweise sind das Zulieferer, die Komponenten für uns entwickeln, herstellen und teilweise direkt ans Band liefern. In einigen Fällen sind sie direkt auf unserem Werksgelände angesiedelt.“

Friedrich Hesemann, Geschäftsführer des Kemptener Werkzeugmaschinenbauers Liebherr Verzahntechnik GmbH, unterstreicht: „Die Entscheidung, ob ein Unternehmen etwas selbst macht oder von außen einkauft, ist eine unternehmerische.“

Das beobachtet er auch auf dem eigenen Absatzmarkt: Daimler baut die Getriebe selbst und bezieht dafür Maschinen von Liebherr – BMW und Audi dagegen kaufen die Getriebe vom Zulieferer ZF, der ebenfalls mit Liebherr-Maschinen fertigt. Es entscheidet also jede Firma selbst, wie die Arbeitsteilung läuft. Das funktioniere bisher gut, betont Hesemann. Er findet es deshalb unverständlich, dass es Überlegungen in der Regierungskoalition gibt, wonach der Einsatz von Werkverträgen strenger geregelt werden soll.

Auch beim Einsatz von Zeitarbeitnehmern sind Änderungen angedacht. Die sollen nach spätestens neun Monaten den gleichen Lohn erhalten wie die Stammbeschäftigten. Außerdem soll die Dauer der Zeitarbeit auf höchstens 18 statt bislang 24 Monate begrenzt werden.

Das könnte unerwünschte Nebenwirkungen haben. Nach 18 Monaten ist oft noch nicht klar, ob die Nachfragespitze anhält, für die man Zeitarbeitnehmer geholt hat. Bei BMW wurden schon Tausende Zeitarbeiter während ihrer Einsatzzeit in die Stammbelegschaft übernommen, berichtet der Firmensprecher. Liebherr-Verzahntechnik-Chef Hesemann findet: „Jede weitere Regulierung ist schädlich. Wir müssten dann wohl Leute wegschicken.“

Die Regierung begründet ihre Pläne mit dem angeblich vielfachen Missbrauch von Zeitarbeits-, aber auch Werkverträgen. Sie verweist auf Einzelfälle, die Schlagzeilen machten, auf Schlachthöfen und bei Subunternehmen am Bau. Doch sittenwidrige Löhne und unzumutbare Arbeitsbedingungen sind sowieso verboten. Da müssen keine neuen Gesetze her, höchstens bessere Kontrollen, sagt der Münchner Arbeitsrechtler Professor Martin Franzen. Der BMW-Sprecher sagt: „Unsere Mitarbeiter sind geschult und angehalten, sich genau an die Regeln zu halten.“

Meist werden Betriebsräte auch frühzeitig eingebunden. Sie haben bei der Vergabe von Werkverträgen schon heute Informationsrechte, beim Einsatz von Zeitarbeitern sogar ein Mitspracherecht.

Vier von fünf Zeitarbeitern mit unbefristetem Vertrag

Zwei Drittel der Zeitarbeiter in Deutschland hatten vorher keinen Job. Nicht nur bei BMW gibt es den „Klebe-Effekt“: Laut Zeitarbeitsverband IGZ werden 37 Prozent von einem Kundenbetrieb übernommen. Auch die Liebherr Verzahntechnik hat schon viele eingestellt, die im Job zeigten, was sie draufhaben. „Viele von ihnen hätten in einem normalen Bewerbungsverfahren keine Chance gehabt“, sagt Hesemann.

Zeitarbeiter haben bei der Zeitarbeitsfirma einen normalen Arbeitsvertrag mit Sozialversicherung, in vier von fünf Fällen unbefristet. Die Bezahlung ist tariflich geregelt – und Personalleiter Gebhardt von ebm-papst stellt klar: „Sie ist durch den für die Metall- und Elektroindustrie geltenden Branchenzuschlag nahe am Tarif für Stamm-Mitarbeiter.“


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