Einblick

So werden wir regiert


Politik in Krisenzeiten: Innenansichten aus der Machtzentrale

Berlin. Die Bankenkrise, Opel, zuletzt das Drama um Karstadt – unsere Politiker sind im Dauerstress. „Man braucht robuste Kondition“, sagt Kanzlerin Angela Merkel. Und gute Nerven, auch zu vorgerückter Stunde. Überliefert ist etwa das folgende Handy-Gespräch mit Josef Ackermann, dem Chef der Deutschen Bank: Merkel: „Zehn Milliarden.“ Ackermann: „Sieben.“

Merkel: „Achteinhalb.“

So feilschte die Kanzlerin, nachts um Eins, vor Monaten um den Beitrag der Banken zur Rettung des Immobilienfinanzierers Hypo Real Estate. 1,5 Milliarden Euro mehr oder weniger – in Zeiten wie diesen wird nicht mehr auf den Cent geschaut.

Regieren per Handy. Merkels mit Bundeswehr-Soldaten besetztes „Lagezentrum“ im vierten Stock des Kanzleramts hat die private Mobilfunknummer praktisch aller wichtigen Menschen in Deutschland. 60-mal am Tag wird sie per SMS mit den neuesten Nachrichten versorgt. Zum Beispiel mit den Börsenkursen. Als die im vergangenen Oktober in wenigen Minuten um 12 Prozent nachgeben, reagiert Merkel mit dem „Rettungsschirm“.

In der entscheidenden Besprechung in ihrem Büro sagt sie wörtlich: „Wir haben nur diesen einen Schuss frei.“ Ihr Fraktionschef Volker Kauder später vor CDU-Abgeordneten: Es gelte, „unser Gesellschaftssystem zu retten“. Hektik pur.

Milliarden abgenickt bei einer Kiste Bier

Was den Machtapparat, für den Laien unsichtbar, zusammenhält: persönliche Netzwerke. Kauder duzt sich mit seinem SPD-Amtskollegen Peter Struck und macht mit ihm Motorrad-Ausflüge. Merkels Wirtschaftsberater Jens Weidmann hat früher an der Uni Bonn mit Jörg Asmussen gearbeitet – der jetzt als Staatssekretär von Finanzminister Peer Steinbrück ebenfalls zum innersten Zirkel gehört.

Beim Aufspannen des Bankenrettungsschirms verpasst Asmussen die Geburt seiner Tochter. In nur fünf Tagen wird das „Finanzmarktstabilisierungsgesetz“, mit 500 Milliarden Euro Kapitalhilfen und Bürgschaften, bis ins Gesetzblatt gedrückt – inklusive Sonderschicht der Bundesdruckerei. Sowas gab es zuvor nur 1973 (Ölkrise), 1977 (RAF-Terror) und 2000 (BSE-Seuche).

Getextet wird das Gesetz von 1 bis 7 Uhr nachts. Und abgenickt einige Nächte später im Haushaltsausschuss. Um 1.30 Uhr. Bei einer Kiste Bier.

Alle Fakten stammen aus dem Buch „So regiert die Kanzlerin“, das am 26. Juni erscheint (Piper, 240 Seiten, 14,95 Euro). Autorin Margaret Heckel leitet das Politik-Ressort der „Welt“-Zeitungsgruppe

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