Agrarwirtschaft

So tricksen wir den Winter aus


Rheinische Kunststoffwerke sorgen mit Folien für frühere Ernte

Sobald im Frühling die ersten Sonnenstrahlen locken, wollen die Kunden von Reiner Paul nur eines: Erdbeeren. „Schon ab April werde ich mit Anfragen überhäuft“, sagt der Landwirt aus Hofheim im Taunus.Normalerweise beginnt die Erdbeersaison erst Mitte Mai. Doch dank Ernteverfrühungsfolien landen die roten Früchte schon bis zu drei Wochen eher im Körbchen.

Temperaturen wie im Treibhaus

Wie das geht? Die transparenten Abdeckungen schützen die empfindlichen Pflanzen vor Frost, ohne ihr Wachstum durch Lichtmangel zu stören. Die tagsüber angestaute Wärme wird nachts am Boden gehalten. Das sorgt für eine stabile Temperatur.

So keimen die Pflanzen früher und wachsen schneller. „Unter der Folie entsteht ein Mikroklima – ähnlich wie in einem Treibhaus“, erklärt Siegfried Meise, Ingenieur und Produktmanager bei den Rheinischen Kunststoffwerken (RKW). Das Unternehmen zählt zu den führenden Herstellern für Agrarfolien in Europa. Das Werk in Philippsthal produziert jährlich mehrere Hundert Tonnen Ernteverfrühungsfolien. In der Zentrale in Michelstadt sitzen Forschung und Entwicklung.

Die Folien bestehen aus einem Gemisch von Kunststoffen (Polyethylen). Spezielle Zusatzstoffe (Batche) bestimmen die Eigenschaften. Sie erhöhen zum Beispiel die Dehnbarkeit der Folie.

Antitau-Mittel wiederum verhindern, dass sich verdunstete Feuchtigkeit an der Unterseite der Folie ansammelt. „Die Tropfen würden die Sonnenstrahlen wie eine Lupe bündeln und den Pflanzen Verbrennungen zufügen“, erklärt Meise.

Das Herstellungsverfahren nennt sich Extrusion: Das Kunststoff-Granulat wird zunächst in eine rotierende Maschine, die Schnecke, geleitet. Unter hohem Druck und auf 200 Grad Celsius erhitzt, presst das Fördergerät das Gemisch aus ringförmigen Spalten heraus – als würde die Maschine einen Ballon aufblasen. Walzen pressen die Folie glatt. Sie ist jetzt nur 0,04 bis 0,07 Millimeter dünn.

Sturm und Tieren trotzen

Zuletzt werden die Löcher eingestanzt. Bis zu 1.000 davon landen auf einem Quadratmeter. Was es mit den Löchern auf sich hat? So gelangt Niederschlag an die Wurzeln und kann angemessen verdunsten. Auch ausreichend Wind erreicht die Pflanzen. „Aber nicht zu viel. Sonst trocknet der Boden aus“, sagt Meise.

Circa sechs Wochen liegen die Abdeckungen auf den Äckern. Erdbeeren und Kartoffeln zählen zu den wichtigsten Kulturen, die mit Folie geschützt werden.

Bis zu 18 Meter sind Abdeckungen breit und werden auf einer Länge von etwa 1.000 Metern ausgebreitet. Sie müssen straff aufliegen, um Sturmböen keinen Raum zu bieten. „Oft laufen auch Tiere über die Folien“, so der Experte.

Die Gesellschaft für Kunststoffe im Landbau in Hannover schätzt, dass in Deutschland jährlich mehr als 3.000 Hektar Anbaufläche für Erdbeeren mit Folie und Vlies geschützt werden. Tendenz steigend. Denn: Wer den Markt früh beliefern kann, hat Vorteile gegenüber der Konkurrenz.

Das weiß auch Bauer Reiner Paul: Er deckt derzeit sieben Hektar Erdbeeren ab. Trotz der Eiseskälte im Februar hofft der Landwirt, pünktlich Mitte April die frühe Sorte anbieten zu können. 30 Prozent seiner Ernte liefert er an den Einzelhandel – und der will schließlich auch nicht bis Mai warten.

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