Das Geschäft mit der Infrastruktur

So profitiert die deutsche Industrie vom Modernisierungsschub in Schwellenländern

München/Hof/Schrobenhausen. Straßen und Schienen, Kraftwerke und Kläranlagen: Es gibt kaum ein aufstrebendes Schwellenland, das derzeit kein Geld in den Ausbau und die Modernisierung seiner Infrastruktur steckt. Allein für China und Indien rechnen Experten bis 2020 mit benötigten Ausgaben von zusammen rund 450 Milliarden Euro – pro Jahr.

Auf lange Sicht wartet ein lukratives Geschäft mit Mobilität, Strom und Wasser. Und schon heute ist Bayerns Metall- und Elektroindustrie in diesen Märkten vertreten.

China und Indien sind die größten der fünf sogenannten BRICS-Staaten, deren Absatzmärkte für die Weltwirtschaft immer wichtiger werden. Brasilien, Russland und Südafrika sind die weiteren Nationen.

„In den BRICS-Ländern ist der forcierte Ausbau und die Modernisierung der Infrastruktur eine der wichtigsten Voraussetzungen für ein starkes und nachhaltiges Wirtschaftswachstum in der Zukunft“, heißt es in einer aktuellen Studie des österreichischen Wirtschaftsforschungsinstituts FIW.

Bayerns Unternehmen beteiligen sich eifrig in all diesen Staaten. Beispiel China: Allein schon die Energieversorgung für das 1,3-Milliarden-Volk ist eine Herkules-Aufgabe. Der Münchner Siemens-Konzern ist in Fernost seit Jahren aktiv, verkauft zum Beispiel Kraftwerk-Komponenten, Stromleitungen und Windkraftanlagen im Reich der Mitte. In diesem Frühjahr hat das Unternehmen mit einem großen chinesischen Energieversorger vereinbart, enger zusammenzuarbeiten, um etwa Dampfturbinen zu modernisieren.

Züge, Lokomotiven und Metros für China

Der Bremsenhersteller Knorr-Bremse profitiert von Investitionen im Verkehrssektor. Der Münchner Zulieferer ist unter anderem dabei, Chinas Eisenbahn und die Metros in den Großstädten auf Vordermann zu bringen. Das Unternehmen erzielte 2013 rund 18 Prozent seines Umsatzes mit Geschäften in China.

Zuletzt gab es zudem viele neue Aufträge, die Arbeit für die kommenden Jahre sichern. Das Unternehmen wird zum Beispiel Bremssysteme für knapp 500 Hochgeschwindigkeitszüge und fast 1.000 Lokomotiven liefern. Auch Metro-Wagen soll Knorr-Bremse ausrüsten: 1.700 mit Bremssystemen, 450 mit Klimasystemen und rund 250 mit Türsystemen.

Auch für Pumpenhersteller Wilo ist China ein wichtiger Markt. Für die Wasser- und Abwasser-Sparte mit Sitz im oberfränkischen Hof ist Indien jedoch genauso wichtig. Asien insgesamt macht mittlerweile fast ein Viertel des Geschäfts mit Pumpen und Systemen für die Wasserversorgung aus.

In Indien gibt es einen enormen Nachholbedarf

Die beiden bevölkerungsreichsten Staaten sorgen mit großem Abstand für den meisten Umsatz in Fernost. „Und der Anteil wird dort noch weiter zunehmen“, prognostiziert Josef Miranda, Leiter des Bereichs für kommunale Abwasserentsorgung bei Wilo.

In China sieht er größere Wachstumschancen in der Infrastruktur zur Entsorgung und zur Reinigung von Abwasser. Der Ausbau und die Modernisierung solcher Anlagen stehe im Fokus, sagt Miranda. „Denn für das Land wird der Umweltschutz immer wichtiger.“ Mittelfristig rechnet er aber damit, dass die lokalen Wettbewerber technisch aufholen werden und ein größerer Teil der Aufträge dann nicht mehr an ausländische, sondern an heimische Unternehmen geht.

In Indien steht dagegen noch der Aufbau der Wasserversorgung im Vordergrund: „Die Infrastruktur hat dort einen großen Nachholbedarf“, sagt der Mann von Wilo. Neben der wachsenden indischen Bevölkerung verbrauchen die lokale Industrie und auch die Landwirtschaft immer mehr Wasser. Wilo betreibt, wie auch in China, einen eigenen großen Produktionsstandort mit rund 1.000 Mitarbeitern auf dem Subkontinent.

Trotz der aktuell guten Aussichten in Asien hat Wilo aber auch schon andere Märkte fest im Blick – etwa südamerikanische Staaten wie Brasilien, aber auch Südafrika. „In beiden Ländern haben wir bereits Firmen gegründet“, berichtet Miranda. Weitere Märkte mit großem Potenzial sieht er sowohl in der arabischen Region als auch in Russland.

Bereits heute dick im Russland-Geschäft ist die Bauer AG in Schrobenhausen. Die Firma aus dem Ort nördlich von München liefert Maschinen für die Baubranche und den Energie- und Rohstoff-Sektor. Der Umsatzanteil des riesigen Landes schwankte bisher zwischen 7 und 9 Prozent. Momentan gibt es aber Gegenwind.

Geschäfte mit Russland haben sich abgeschwächt

„In den letzten Jahren war Russland ein Markt, der sich gut entwickelt hat. Mit unseren Kunden und Partnern in Russland pflegen wir langjährige Beziehungen“, sagt Thomas Bauer, der Vorstandsvorsitzende der Firma. „Wegen des aktuellen Konflikts um die Ukraine hat sich die Wirtschaftslage jedoch abgeschwächt.“

Langfristig sieht der Unternehmer aber weiterhin gute Chancen in Russland. „Dank des Reichtums an Öl und Gas kann das Land die Mittel für den Ausbau der Infrastruktur leichter als andere Staaten aufbringen.“

Die Firma Bauer übernimmt auch selbst Bauprojekte. Sie hat große Erfahrung im Tiefbau. Ende des vergangenen Jahres hat eine russische Tochterfirma die Gründungsarbeiten für den „Lakhta Tower“ in St. Petersburg abgeschlossen.

Der Büroturm ist die künftige Firmenzentrale des Energieunternehmens Gazprom. Das nach Fertigstellung mit 462 Metern und 86 Stockwerken höchste Gebäude Europas wird auf 264 Pfählen stehen, die bis zu 82 Meter tief in den Untergrund reichen.

Übrigens …

Nach BRICS kommt MIST

  • Investoren und Unternehmen haben nicht nur Brasilien, Russland, Indien, China und Südafrika im Auge. Auch die MIST-Staaten (Mexiko, Indonesien, Südkorea und Türkei) werden immer attraktiver.
  • Die vier Länder sind mittlerweile für fast 7 Prozent der globalen Wirtschaftsleistung verantwortlich.
  • Die Erfolgsfaktoren sind sehr unterschiedlich: Mexiko ist wegen der Nähe zum US-Markt als Standort interessant. Indonesien bietet Rohstoffe und niedrige Arbeitskosten. Südkorea hingegen ist kein Billiglohnland mehr und exportiert Autos und Smartphones. Die Türkei profitiert von der Lage zwischen Europa und Asien.

Interview

Jens Nagel. Foto: BGA
Jens Nagel. Foto: BGA

„China wird erst so richtig interessant“

Die Schwellenländer sind für Deutschlands Wirtschaft wichtig und bleiben es auch. Warum, erklärt Jens Nagel, Leiter des Bereichs Außenwirtschaft im Bundesverband Großhandel, Außenhandel, Dienstleistungen (BGA) in Berlin.

Aktuell schwächeln einige Schwellenländer. Müssen sich deutsche Firmen um ihr Geschäft dort sorgen?
Die Volkswirtschaften legen gerade nur eine kurze Wachstumspause ein. Langfristig bestehen dort beste Perspektiven. Autos, Maschinen, Infrastruktur: Die deutsche Industrie bietet alles, was die Länder in ihren aktuellen Entwicklungsphasen wollen und brauchen.

An welche Staaten denken Sie besonders?
Die deutsche Wirtschaft ist international sehr breit aufgestellt. Das gilt auch für den Mittelstand. In allen Regionen der Erde gibt es in den Schwellenländern Chancen.

Ist in China noch mehr drin als heute schon?
Ja, klar. Das Land fängt gerade erst an, für Deutschland so richtig interessant zu werden. Die Chinesen merken, dass Umweltschutz wichtig ist. Und deutsche Firmen haben in Sachen Energieeffizienz, Wassermanagement oder erneuerbare Energien die richtigen Angebote.

Ist das mit Indien anders?
Was die Modernisierung der Wirtschaft angeht, steckt das Land noch ganz am Anfang. Das gilt auch für die Infrastruktur. Indien hat aber sehr viel Potenzial. Die Bevölkerung wird bald größer als in China sein. Aber Protektionismus und Bürokratie sind ein Problem. Man stellt sich zu oft selbst ein Bein.

Gilt das aktuell auch für Russland?
Schwer zu sagen. Dreht sich die Sanktionsspirale weiter, sägt Russland langfristig den Ast ab, auf dem es sitzt. Aber es geht nicht um rationale wirtschaftliche Aspekte, sondern um Politik.

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