Technik im Weltall

So innovativ ist die Raumfahrt-Industrie Baden-Württembergs

Der Markt für Raumfahrt-Anwendungen wächst rasant: unter anderem, weil die Welt immer mehr Satelliten braucht. Viele Innovationen kommen aus dem Südwesten Deutschlands. Zum Beispiel ein neuer Ionen-Antrieb, der viel Treibstoff spart.

Super-Satellit: „Sentinel 2B“ ist Baden-Württemberger. Er überwacht seit kurzem für uns die Erde. Foto: ESA

Super-Satellit: „Sentinel 2B“ ist Baden-Württemberger. Er überwacht seit kurzem für uns die Erde. Foto: ESA

In der Ariane-Rakete, die „Sentinel 2B“ ins All brachte, steckt ebenfalls Technik aus dem Südwesten. Foto: ESA

In der Ariane-Rakete, die „Sentinel 2B“ ins All brachte, steckt ebenfalls Technik aus dem Südwesten. Foto: ESA

Signal-Verstärker: In Satelliten stecken solche Wanderfeldröhren, … Foto: Werk

Signal-Verstärker: In Satelliten stecken solche Wanderfeldröhren, … Foto: Werk

… die zum Beispiel bei Thales in Ulm produziert werden. Foto: Werk

… die zum Beispiel bei Thales in Ulm produziert werden. Foto: Werk

Hightech-Bauteile: Eine Abordnung der Nasa besucht Witzenmann in Pforzheim. Foto: Werk

Hightech-Bauteile: Eine Abordnung der Nasa besucht Witzenmann in Pforzheim. Foto: Werk

Witzenmann liefert Spezial-Teile fürs neueste Raumschiff. Foto: Werk

Witzenmann liefert Spezial-Teile fürs neueste Raumschiff. Foto: Werk

Friedrichshafen / Ulm / Backnang / Pforzheim. Ja, jemand beobachtet uns im All. Fast 1.500 Satelliten schwirren inzwischen im Orbit herum! Und es werden immer mehr. Ganz neu ist „Sentinel 2B“. Er wurde von Airbus Friedrichshafen gebaut und fotografiert nun mit seinem Bruder Sentinel 2A jeden Punkt der Erde in nur fünf Tagen! So wissen wir zum Beispiel, ob die Ernte in Afrika für die Bevölkerung reichen wird. Und wie schlimm die Folgen des Waldbrands in Portugal sind.

Nicht nur Sentinel 2B ist Baden-Württemberger. Von hier kommen außerdem noch viele andere Technologien, die uns im Orbit neue Einblicke eröffnen. Gut 40 Prozent aller Beschäftigten der deutschen Raumfahrt-Industrie arbeiten im Südwesten. Ihr Know-how ist jetzt besonders gefragt: Der Markt wächst, und davon können die Unternehmen profitieren. Denn die Welt braucht noch viel mehr Satelliten: für Erdbeobachtung, Navigation, Internetversorgung, Katastrophenschutz, Terrorbekämpfung und vieles mehr.

Ohne Wanderfeldröhren gäbe es kein Navi und keine Wetterprognose

Hersteller rüsten sich für die Produktion größerer Stückzahlen. Wie Airbus Defence and Space in Immenstaad bei Friedrichshafen, wo Sentinel 2B und viele andere Satelliten gebaut wurden. Auf dem Werkgelände entsteht gerade ein hochmodernes Technologiezentrum. Standortleiter Dietmar Pilz erklärt: „Wir investieren hier 44 Millionen Euro.“ Grund: Die Nachfrage nach Lösungen, die die Raumfahrt bietet, wird immer größer. In der riesigen Reinraumproduktion könnten künftig „bis zu acht Satelliten gleichzeitig“ gebaut werden, so Pilz, die bisherigen Kapazitäten reichten nicht mehr aus.

Auch beim Unternehmen Thales in Ulm wird in einem Kompetenzzentrum für Satellitentechnologie auf Hochtouren geforscht. Herausgekommen ist jüngst diese Revolution: ein Ionen-Antrieb für Satelliten. Manfred Eilers, Standortleiter von Thales Deutschland, schildert: „Bislang ist die Lebensdauer von Satelliten durch die limitierte Treibstoffmenge und den Verschleiß an den Triebwerken begrenzt gewesen.“ Dabei sei ein elektrischer Ionen-Antrieb viel sinnvoller. Er brauche „lediglich ein Zehntel des Treibstoffs eines herkömmlichen Antriebssystems“. Und könnte schon 2018 erstmals bei einer Mission zum Einsatz kommen.

Thales produziert in Ulm auch Wanderfeldröhren: Sie machen Satelliten-Signale so stark, dass sie zur Erde reichen. Um noch mehr solche Geräte produzieren zu können, errichtete Thales jüngst für 27 Millionen Euro eine neue Produktionshalle. Ohne Wanderfeldröhren gäbe es keine Navigationssysteme, kein Satelliten-TV, keine Wetterprognose. Das Unternehmen Tesat-Spacecom in Backnang fertigt ebenfalls solche Geräte. Die Airbus-Tochter ist europäischer Marktführer für nachrichtentechnische Nutzlasten von Satelliten, also die Geräte zur Datenübertragung. Auch in Sentinel 2B steckt Tesat-Technik: ein Laser-Kommunikationsterminal für den blitzschnellen Versand der Bilder zur Erde.

Metallverarbeiter Witzenmann aus Pforzheim liefert Teile für die Nasa

Vom Wachstum im Weltall profitieren auch viele Zulieferer. Etwa Witzenmann aus Pforzheim. Der Weltmarktführer für flexible Metall-Elemente (wie Schläuche und Leitungen) hat schon Teile für die Ariane-5-Rakete gebaut. Jetzt bestellt sogar die US-Raumfahrtbehörde Nasa hier: Ventilbälge fürs neue Raumschiff Orion. Sie dichten die Treibstoffventile gegen das Vakuum im All ab. Nasa-Programmleiter Mark Kirasich sagte beim Besuch in Pforzheim: „Das Bauteil ist physisch nicht groß, hat aber eine riesige Aufgabe. Ohne dieses Teil können wir nirgendwo hin.“


Interview

Der Südwesten ist eine der führenden Raumfahrt-Regionen

Ostfildern. Wie gut ist die Raumfahrt-Industrie in Baden-Württemberg? AKTIV sprach darüber mit Professor Rolf-Jürgen Ahlers, dem Vorsitzenden des Forums Luft- und Raumfahrt Baden-Württemberg mit Sitz in Ostfildern.

Ist Baden-Württemberg ein Raumfahrt-Land?

Auf diesem Gebiet sind wir bundesweit spitze! Wir haben Hunderte Hersteller und Zulieferer. In Lampoldshausen bei Heilbronn werden sämtliche Antriebe für die europäische Raumfahrt getestet. Und hier werden 60 Prozent aller Raumfahrt-Ingenieure der ganzen Republik ausgebildet. Die sind übrigens auch in ganz anderen Branchen sehr gefragt, wie der Auto-Industrie.

Wissen aus der Raumfahrt wird also nicht nur im Orbit genutzt?

Es steckt in ganz vielen Produkten. Schauen Sie sich mal neue Windräder an: Die sehen anders aus als früher. Ihre Aerodynamik hat man mit dem Know-how aus der Luft- und Raumfahrt verbessert. Auch neue Verbrennungssysteme bei Heizungen kommen aus der Raumfahrt. Aber die Branche nutzt auch Innovationen aus anderen Bereichen. Man befruchtet sich gegenseitig. Ein Beispiel dafür sind generative Fertigungsverfahren, ähnlich dem 3-D-Druck.

Wie werden die denn in der Raumfahrt eingesetzt?

Mit solchen Produktionsmethoden kann man über Datenmengen Produkte erzeugen, auch an fremden Orten. Deshalb gibt es bei der Europäischen Weltraumorganisation Überlegungen, wie man damit ein Dorf auf dem Mond bauen könnte.

Warum werden eigentlich immer mehr Satelliten in kürzerer Zeit gebaut?

Beim Satellitenbau wird derzeit über ganz andere Herangehensweisen und Funktionen nachgedacht. Wenn man zum Beispiel statt eines großen Satelliten einen ganzen Schwarm kleinerer hochschickt, bietet das mehr Möglichkeiten etwa bei der Erdbeobachtung. Außerdem: Wenn ein Satellit eines Schwarms kaputtgeht, können andere seine Funktion übernehmen.

Entsteht dann noch mehr Weltraumschrott?

Auch die Wiederverwertung der Materialien ist derzeit ein wichtiges Thema. Da gibt es neue Lösungsansätze. Man könnte etwa Satelliten mit Roboterfunktion bauen, die Weltraumschrott wieder einsammeln. Fast wie eine Müllabfuhr.

Wird der Weltraum immer mehr vermarktet?

Ja, denn wenn man die Satellitentechnik noch weiter ausbaut, sind immer mehr Anwendungen möglich, und die sind gefragt. Aber nicht nur bei Firmen und Privatleuten, sondern auch in der Forschung: Wir brauchen neue Technologien ja auch, um mehr über das Weltall zu erfahren.

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