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Jetzt kommt das Internet der Dinge

So funktioniert die Blockchain-Technologie

Blockchain, die digitale Speichertechnik, ist gerade ein Mega-Hype. Experten erwarten von ihr ähnlich tiefgreifende Veränderungen wie seinerzeit durch das Internet. Wir erklären, wie die kryptische Technik funktioniert.

Bild: Adobe Stock

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München. Dunkler Anzug? Gebügeltes Hemd? Von solcher Oldschool-Normschnur für Manager ist Ganesh Jung so weit entfernt wie nur was. Stattdessen ein wilder Bart und ein Samurai-Zöpfchen. Die Zehenschuhe an den Füßen geben ihm etwas Krähenhaftes. Er sagt „hey“ und „wow“, mit blitzenden Augen. Man fürchtet, gleich holt er noch Keulen raus und fängt an zu jonglieren.

Aber Jung, Chef des Münchner Tech-Unternehmens Draglet, ist kein esoterischer Freak. Sondern derzeit ein gefragter Ansprechpartner für Industriekonzerne: „Audi, BMW und ein paar andere waren schon hier“, sagt er und grinst. „Die rennen uns die Bude ein. Sie wollen in die Zukunft sehen.“

Und dann kommt das Zauberwort: „B-L-O-C-K-C-H-A-I-N.“

Eine Technik, die Vertrauen herbeizaubert

Blockchain – das ist gerade der Feenstaub der Tech-Szene. Das Internet, die Digitalisierung – sie bekommen dadurch noch viel mehr Kraft. Blockchain ist eine revolutionäre Datenspeicher-Methode. Eine Art globales, für alle offenes Register, in dem Daten gehandelt, gespeichert, vertraglich gemanagt und sicher verbreitet werden können. Blockchain wird alles verändern. Die Art, wie wir Geld überweisen. Werte übertragen. Und uns täglich als Konsumenten bewegen.

Und deshalb ist davon auch die Industrie elektrisiert. Maschinen- und Autobauer, Energiekonzerne, Banken und Versicherungen – sie alle loten das Potenzial der Zaubertechnik aus.

„Es geht ums Internet der Dinge, Industrie 4.0, die intelligente Fabrik“, sagt Draglet-Chef Ganesh Jung und lässt dabei die Zehenschuhe wippen. „Darüber sollen wir denen alles erzählen, den Trend will keiner verpassen.“

Experten bestätigen: Es ist ein großes Ding. „Blockchain verändert die Art, wie Geschäfte gemacht werden“, sagt Wolfgang Hach, Partner bei Deutschlands bekanntester Unternehmensberatung Roland Berger. Laut Studie des Weltwirtschaftsforums wird schon 2025 ein Zehntel der weltweiten Wertschöpfung über Blockchain abgewickelt.

Da fragt man sich doch: Wie funktioniert das denn jetzt? Professor Gilbert Fridgen kennt die Antwort. Er lehrt Wirtschaftsinformatik an der Universität Bayreuth, gilt als deutscher Blockchain-Papst. „Blockchain“, sagt Fridgen, „funktioniert wie ein digitales Notizbuch, das in den Taschen aller Teilnehmer eines Netzwerks steckt und sich automatisch synchronisiert.“

In der folgenden Galerie zeigen wir Ihnen grafisch, wie eine Blockchain funktioniert:

     


Jetzt können im Internet Werte übertragen werden

Überweist nun Person A beispielsweise 10 Euro an Person B, dann ist diese Transaktion sofort überall gespeichert. Denn sie steht sofort im digitalen Notizbuch jedes einzelnen Netzwerk-Teilnehmers. „Und man kann diesen Eintrag nicht mehr ausradieren“, erklärt Fridgen. „Weil die Daten dezentral, also in all den vielen identischen Notizbüchern verzeichnet sind statt nur in einem. Manipulation ist somit ausgeschlossen.“

Die Blockchain sorgt so für ein im Wirtschaftsleben unverzichtbares Gut: Vertrauen! „Die Technik“, so Fridgen, „stiftet Vertrauen in einer bilateralen Beziehung.“

Bislang braucht man für so was Dritte: eine Bank, Notare, Ämter. „Diesen Part kann jetzt die Technik übernehmen. Das beschleunigt Prozesse. Und es spart enorm viel Geld.“

Es sind Sätze wie diese, die man mal kurz sacken lassen muss, will man das Potenzial der Blockchain kapieren. Denn: Dass übers Internet Informationen transportiert werden können, das kennen wir. Aber jetzt, via Blockchain, kann was ganz anderes übertragen werden: Werte! Sicherheiten! So einfach wie eine E-Mail läuft das von einem Netzwerkteilnehmer zum anderen. Fridgen: „Das ist das Revolutionäre!“

Smart Contracts können mehr als banale Transaktionen

Weil die Möglichkeiten plötzlich unbegrenzt erscheinen. Man will ein Haus kaufen? Mit der Blockchain ist der eindeutig belegbare Eigentumsübertrag technisch kein Problem, wozu noch teurer Notar oder Grundbucheintrag? Eine Überweisung an jemanden am anderen Ende der Welt, der vielleicht gar kein Bankkonto hat? Blockchain!

„Und es geht nicht bloß um banale Transaktionen“, sagt Fridgen. „Über die Blockchain kann man auch komplexe Vereinbarungen zwischen vielen verschiedenen Geschäftspartnern vollautomatisch steuern.“ Smart Contracts, automatisierte Vertragsabwicklungen, nennt man das in der Szene.

Was das konkret an Möglichkeiten schafft, kann am besten Laura Herrmann erklären. „Smart Contracts in einer Blockchain werden dafür sorgen, dass sich Autos oder Wohnungen vollautomatisch vermieten lassen.“ Hoppla!

Rückgrat der Maschinen-Ökonomie

Laura Herrman leitet die Geschäftsfeldentwicklung des Blockchain-Unternehmens Slock.it. Sie sitzt an diesem sonnigen Wintermorgen im Café des Münchner Start-up-Zentrums „Werk 1“. Früher köchelten hier auf diesem riesigen Areal die traditionsreichen Pfanni-Werke Kartoffelknödel. Jetzt tippen hippe Software-Architekten auf ihren Laptops rum.

Laura Herrmann redet und redet, statt Anwendung sagt sie „Use Case“ und „convenient“, wenn sie bequem meint. Aber ihre Vision ist kristallklar. „In den Smart Contracts einer Blockchain können sämtliche Rechtsbeziehungen zwischen zwei Parteien im Code definiert werden. Und man kann Geldflüsse programmieren, die vollautomatisch erfolgen, wenn eine definierte Voraussetzung eingetroffen ist.“

Beispiel Ferienwohnung: Ein Mieter steht vor der Tür, vielleicht mitten in der Nacht, via Smartphone zahlt er über die Blockchain den Mietpreis, sofort spuckt das elektronische Türschloss den Zahlencode aus – hereinspaziert! „Einen Zwischenhändler wie etwa Airbnb braucht es dann nicht mehr“, sagt Herrmann und nippt cool am Heißgetränk. Alles gehe schnell und direkt, „peer to peer“.

Optimale Automatisierungsplattform für die Machine-Economy

Und so was könne funktionieren? Da stellt Herrmann die Tasse ab und guckt, als habe man den Schuss nicht gehört. „Es hat doch längst begonnen!“ Mit einer Tochter des Energieriesen RWE betreibt Slock.it bereits ein Netzwerk von Ladesäulen für Elektrofahrzeuge, 1.200 Säulen hängen schon dran, „abgerechnet wird automatisch per Smart Contract auf der Blockchain“. Auch mit der Industrie kooperiert das Start-up eng, mit Siemens beispielsweise. Und es gebe Anfragen aus der ganzen Welt. „Blockchain ist die perfekte Technologie, um smarte Geräte miteinander kommunizieren zu lassen“, erklärt Herrmann. „Also die optimale Automatisierungsplattform für die Machine-Economy.“

Bäm! Machine-Economy! Automatisierungsplattform! Wieder so zwei Buzzwords. Vielleicht ist es gerade das, was die Industriedickschiffe derzeit so anmacht? Wird die Blockchain am Ende sogar das Rückgrat der Maschinen-Ökonomie?

Mehr als 8 Milliarden Geräte sind in Privathaushalten und Betrieben mit dem „Internet der Dinge“ verbunden, schätzt die Marktforschungsfirma Gartner, 2020 sind es schon 20 Milliarden. Was, wenn all diese Geräte selbstständig miteinander kommunizieren können? Sogar Handel treiben?

„Mit der Blockchain ist das technisch möglich“, sagt Professor Fridgen. Beispielsweise ließen sich Abläufe entlang einer Lieferkette mit Smart Contracts vollautomatisch abwickeln. Ohne Papierkram, Stempelkissen, manuellen Kontenabgleich.

Sogar der grenzüberschreitende Handel, derzeit noch erstaunlich papierbasiert, könnte via Blockchain geschmeidiger ablaufen. Auf jeden Container kommt ein Stapel Dokumente, Zollpapiere, Absicherungsgeschäfte, abgewickelt von Banken. Der Papierkrieg, so Fridgen, koste oft mehr als der eigentliche Transport – und würde mit einer Blockchain überflüssig.

Mehr Space-Faktor gefällig? „Autonom fahrende Autos könnten allein aus dem Werk rollen, Ladesäulen anfahren, sich mit dem Stromanbieter auf einen Energiepreis einigen und mit dem nächsten Fahrgast auf einen Beförderungstarif. Vollautomatisch, abgewickelt per Blockchain.“

Hoher Stromverbrauch ist ein Problem

Noch gebe es Kinderkrankheiten, räumt Fridgen ein. „Etwa den hohen Energieverbrauch.“ Weil Blockchains ihre Daten eben nicht nur auf einem zentralen Server ablegten, sondern synchron auf Abertausenden von Rechnern, verbraucht beispielsweise die Blockchain für die umstrittene Kryptowährung Bitcoin derzeit pro Jahr mehr Energie als ganz Nigeria. Doch die Blockchain-Technik als solche sei „nicht mehr aufzuhalten“.

Die Beratungsgesellschaft Deloitte formuliert das so: Das dezentrale Kassenbuch Blockchain sei von der Innovationskraft her „nur noch vergleichbar mit der Erfindung des Rades“.

Hier wird zuerst Kette gegeben:

Geht nicht, gibt’s nicht – Experten sehen nahezu unbegrenzte Anwendungsmöglichkeiten für Blockchain-Technik. AKTIV erklärt, wo die neue Speichertechnik künftig angewendet werden könnte. Und wo es sie schon gibt.

Energie

Im New Yorker Stadtteil Brooklyn verkaufen Häuser mit Solaranlagen überschüssigen Strom vollautomatisch an Nachbarn. Abgerechnet wird bereits jetzt über Blockchain.

In Deutschland betreibt die RWE-Tochter Motionwerk Blockchain-basierte Ladesäulen für E-Autos.

Konsum

Rewe testet Blockchain zur Dokumentation der Herkunft von Lebensmitteln.

Flug verspätet? Per Smart Contract gibt’s automatisch Geld zurück. Beim Versicherer Axa schon Teil einer Police.

Die Kreditrate fürs Auto nicht bezahlt? Womöglich sperrt bald Blockchain den elektronischen Zündschlüssel.

Behörden

Schweden stellt sein Grundbuchwesen gerade auf Blockchain um.

Estland testet die dezentrale Speicherung von Gesundheitsdaten.

Selbst die Stimmabgabe bei Wahlen zählt als Einsatzgebiet für Blockchain. Wählen könnte man dann von zu Hause aus – fälschungssicher und anonym.

Mehr zum Thema:

Nimmt uns der Fortschritt die Arbeit weg? Sorgen kann man sich ja selbst mit passablen beruflichen Qualitäten machen, etwa als, sagen wir, Fußballprofi. Bei der WM 2050, glauben Experten, sind menschliche Kicker gegen Roboter chancenlos.

Wer heute Geld überweist, kann davon ausgehen, dass die Summe morgen beim Empfänger auf dem Konto ist. Von Werktag zu Werktag zumindest. Bald geht das viel schneller. Nämlich in wenigen Sekunden – rund um die Uhr, quer durch Europa.

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