Standpunkt

Skandal im Boulevard-Bezirk

Angeblich haben wir vor 20 Jahren schon so gut gelebt wie jetzt

Ein Blick zurück auf folgenden „Skandal“ vom letzten September: Laut „Bild“-Zeitung sind die „Nettolöhne so niedrig wie vor 20 Jahren“!

Wie wäre es, fürs Erste, mit „so hoch“? Den damaligen Bundesrepublikanern in Arbeit  jedenfalls ging es 1987 wirtschaftlich vergleichsweise gut bis sehr gut: sowohl mit Blick auf das Ausland als auch, sagen wir, das Jahr 1967 im eigenen Land.

Dann die Rechenfehler. Verglichen werden aktuelle gesamtdeutsche Zahlen mit alten West-Zahlen. Und nicht die Stundenlöhne, sondern Einkommen  –  was bedeutet, dass Arbeitszeitverkürzungen und die verstärkte Nachfrage nach  Teilzeitjobs fälschlicherweise unter „Lohndrückerei“ verbucht werden.

Und schließlich: Dass bereits vor 20 Jahren „das Durchschnittseinkommen mit 1.315,40 Euro pro Monat schon knapp auf dem heutigen Niveau“, nämlich 1.320,42 Euro, gelegen hätte, ist eine wirtschaftlich grob irreführende Behauptung.

Den Statistikern, die diese Zahlen errechnet haben, soll hier nicht auf die Zehen getreten werden. Sie haben gewiss ihr Bestes getan, um Inflationsraten raus- und Qualitätszuwächse reinzurechnen und so – statistische! – Vergleichbarkeit herzustellen. (Überhaupt ist das Statistische Bundesamt eine der wenigen Bundesbehörden im Rampenlicht, die man vorbehaltlos respektieren kann. Neuerdings scheint die Bundesagentur für Arbeit dazuzukommen.)

Aber jenseits aller Zahlen ist die Frage, ob wir besser leben als damals, immer auch  aus der eigenen Erfahrung zu bewerten. Am deutlichsten dürfte es den ehemaligen DDR-Bürgern erlebbar sein, um wie viel reichhaltiger als 1987 der Warenkorb ist, auf den sie zugreifen können.

Und die heute 30-jährigen Wessis werden doch wohl noch wissen, dass ihre Eltern 1987 bescheidenere Urlaubsträume hatten als heutzutage üblich (schon Balearen, aber Kanaren noch nicht) und vor allem elektronisch in einer Steinzeit lebten (TV-Ungetüme statt Flachbildschirme, VHS statt DVD, von Handys oder von Navis im Auto kein Schimmer, und so weiter und so fort). Der Durchschnittsverdienst von 1987 war erheblich weniger Wohlstand wert als der von 2007.

Unseren Lesern nicht nach dem Mund reden, ihnen aber auch nichts aufbinden, sondern sie als mündige Menschen ansprechen und an ihrer eigenen Erfahrung mit der Wirtschaftswelt anknüpfen: das bleibt für AKTIV journalistische Ehrensache. Auch im neuen Jahr.


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