Bevölkerungsforscher warnt vor der Übermacht der Alten

Sind die Rentner in Deutschland zu mächtig?

Berlin. Deutschland kann sich die Sozialversprechen der Großen Koalition nicht leisten, warnt einer der führenden Demografie-Forscher im Land. Rente mit 63 oder Mütterrente hätten niemals eingeführt werden dürfen, sagt Reiner Klingholz. Der Direktor des Berlin-Instituts für Bevölkerung und Entwicklung warnt im AKTIV-Interview vor einer wachsenden Übermacht der Alten.

Herr Klingholz, sind die Rentner in Deutschland zu mächtig und deshalb eine Gefahr für die soziale Gerechtigkeit?
Rentner und Pensionäre haben zumindest eine starke Lobby. Die über 60-Jährigen stellen mehr als ein Drittel des Wahlvolks, 2030 werden es über 40 Prozent sein. Gerade die großen Volksparteien hängen massiv von den Stimmen der Älteren ab. Da ist eine Politik zugunsten der Jungen eher unwahrscheinlich.

Die Große Koalition hat den „Demografie-Check“ eingeführt: Jedes Ministerium muss klarstellen, wie sich ein neues Gesetz auf Geburtenzahl und Familien auswirkt. Ist das nichts?
Nach dem Check sind neue Gesetze und Verordnungen daraufhin zu prüfen, ob sie angesichts des demografischen Wandels finanziell und sozial nachhaltig sind. Das ist zwar grundsätzlich eine sehr gute Idee. Die Bundesregierung sollte sie allerdings auch auf alle Gesetze konsequent anwenden. Mütterrente und Frührente mit 63 wären dann durchgefallen.

Wenn man sich die niedrigen Beteiligungen bei Wahlen ansieht, kann man aber auch sagen: Die Jungen sind selbst schuld.
Möglicherweise resignieren viele Junge, weil sie ohnehin keine Chancen sehen, dass ihre Interessen Gehör finden. Das wäre fatal.

Was sagen Sie denen, die sich vor Altersarmut fürchten?
Keine 3 Prozent der über 65-Jährigen sind auf Grundsicherung, also Hartz IV, angewiesen. Aber 15 Prozent der Kinder und Jugendlichen unter 15 Jahren. Armut müssen die Jungen weitaus stärker fürchten als die Älteren.

Wie kann denn ein gerechterer Generationenvertrag aussehen?
Wir haben in Deutschland immer weniger junge Menschen. Wir müssen ihnen alle Chancen für eine gute Ausbildung geben, wir müssen in die Infrastruktur und in Arbeitsplätze investieren, damit diese Menschen produktiv werden können. Sie sind es, welche die Renten von morgen erwirtschaften. Erst wenn wir die Interessen der Jungen berücksichtigen, können wir die der Älteren befriedigen. Andersherum funktioniert das nicht.

Heißt das konkret: weniger Umverteilung?
Das jüngste Rentenpaket der Bundesregierung war ein kapitaler Fehler. BAföG-Erhöhung, Schüler- und Studentenstipendien für begabte Kinder aus sozial schwachen Familien, mehr und besser ausgebildetes Personal im Vorschulbereich wären die sinnvolleren Investitionen gewesen.

Und was haben die Älteren noch von der Rente, wenn sie immer länger arbeiten müssen?
Die Lebenserwartung ist in der Vergangenheit deutlich gestiegen. Aber nicht die Arbeitszeit. Die Menschen erleben also immer mehr Freizeit. Selbst wenn das Rentenalter mittelfristig auf 69 Jahre stiege, würden die Menschen wie heute im Schnitt zwei Drittel ihrer Lebenszeit nach der Ausbildung mit Arbeit und ein Drittel im Ruhestand verbringen. Das klingt mir nicht nach unvertretbarer Härte.

Alles gut und schön, wenn man noch fit ist.
Der Gesundheitszustand eines heute 65-Jährigen entspricht in etwa dem eines 55-Jährigen im Jahr 1970. Die Chancen, im Alter fit zu sein, stehen also gut.

Sie sind 60 Jahre alt. Ist Ihnen wohl bei dem Gedanken, in ein paar Jahren Rentner zu sein?
Ich schätze, dass ich auch in ein paar Jahren noch etwas zu tun haben werde. Der Gedanke „Rentner“ zu sein, verstört mich sehr.


Artikelfunktionen


Diese Beiträge könnten Sie auch interessieren:

'' Zum Anfang