Die Spritpreis-Falle

Sieben Fragen und Antworten zum Drama auf dem Rohstoffmarkt

Köln/Frankfurt. Schrecksekunde an der Zapfsäule: „Tanke ich statt Super etwa versehentlich Diesel? Der Preisanzeiger läuft so verdächtig langsam!“ Passt schon – Sprit ist halt superbillig.

Seit Mitte 2014 werden die Autofahrer immer wieder von Tiefständen überrascht. Grund ist der Weltmarktpreis für Rohöl: Er ist um 70 Prozent eingebrochen, auf den niedrigsten Stand seit zwölf Jahren. Zunächst mal profitiert auch die Wirtschaft davon: Lkws und Maschinen laufen günstiger.

Also alles prima? Nein. Deutschlands Export-Industrie bekommt bereits die Nachteile zu spüren.

1. Was ist los auf dem Rohstoffmarkt?

„Es gibt einfach zu viel Öl im Markt“, sagt Hubertus Bardt vom Institut der deutschen Wirtschaft Köln (IW). „Die USA wurden vom Importeur zum Exporteur, weil sie auf Fracking setzen – und Saudi-Arabien versucht, den Konkurrenten mit Dumpingpreisen zum Aufgeben zu zwingen.“ Das Ölförderkartell Opec ist heillos zerstritten. Früher steuerte es die Mengen und damit die Kurse, aber nun setzt eine Abwärtsspirale zum Beispiel auch Venezuela, Brasilien, Irak, Russland oder die zentralasiatischen Staaten unter Druck. Überdies drängt jetzt, nach Ende des Embargos, auch Iran wieder auf den Markt.

Vor allem aber: „Die Nachfrage nach Öl“, gibt er zu bedenken, „steigt nur langsam wegen der relativ schwächeren wirtschaftlichen Entwicklung in den Schwellenländern, vor allem in China. Daran wird sich so schnell nichts ändern.“




2. Warum fördern die Ölstaaten so viel?

„Saudi-Arabien oder Venezuela finanzieren ihre Staatsausgaben hauptsächlich durch den Ölverkauf“, sagt Ökonom Bardt. Je weniger sie an einem Fass verdienen, umso schneller lassen sie die Pumpen laufen – damit unterm Strich die Erträge stabil bleiben. Zusammen mit Russland haben sie zwar gerade angekündigt, die Fördermengen nicht weiter zu steigern. Von Drosseln aber ist keine Rede.

3. Was bedeutet das billige Öl für die deutsche Industrie?

„Der Preisverfall auf den Rohstoffmärkten ist zunehmend problematisch“, sagt Ralph Wiechers, Chefvolkswirt des Maschinenbauverbands VDMA in Frankfurt. „Vor einem Jahr herrschte noch die Hoffnung vor, dass die niedrigen Rohstoffpreise wie ein gigantisches Konjunkturprogramm wirken und die Weltwirtschaft befeuern. Doch inzwischen spüren wir die negativen Effekte viel mehr als die positiven.“ Die Hoffnung richtete sich vor allem auf die Schwellenländer: Die Menschen dort hätten wegen des billigen Sprits mehr Geld für Konsum, die Betriebe würden mehr produzieren – und neue Maschinen in Deutschland bestellen.

Doch der niedrige Ölpreis kam bei den Verbrauchern in vielen Ländern nie oder nur eingeschränkt an: „Denn China und Indien hatten Energie zuvor massiv subventioniert. Seit die Preise fallen, senken sie die Subventionen, sanieren so ihre maroden Haushalte.“

Für die deutsche Industrie gibt es also daraus keinen Impuls. Im Gegenteil: Die Zeiten, in denen die Chinesen neue Großstädte aus dem Boden stampften, sind vorbei – das schmälert die Nachfrage nach Baumaschinen. „Auch die arabischen Staaten stecken weniger Geld in die Infrastruktur wie Hafenanlagen“, so Wiechers. „Und sie investieren weniger in Anlagen für die Weiterverarbeitung des Rohöls. All das spüren auch deutsche Hersteller.“



4. Ist es jetzt vorbei mit dem Boom der Schwellenländer?

Nach Jahren starken Wachstums geht ihnen die Puste aus, sie sind hoch verschuldet, Investoren ziehen Kapital ab: Das zeigt sich nicht nur in ihrer sinkenden Ölnachfrage, sondern auch in den ebenfalls stark gesunkenen Metallpreisen.

Zwar werden die Schwellenländer auf lange Sicht wohl wieder schneller wachsen. Doch IW-Experte Bardt stellt klar: „Die Wachstumsstory der letzten 15 Jahre, nach der die Schwellenländer mit deutschen Investitionsgütern ihre Industrie aufbauten, ist erst mal vorbei.“



5. Aber profitiert unsere Industrie denn gar nicht von dem Preisverfall?

Dazu noch mal Maschinenbau-Experte Wiechers: „Sicher profitieren auch wir von niedrigeren Preisen zum Beispiel für Stahl, weniger für Erdölprodukte. Doch das wissen unsere Kunden auch und fordern Preisnachlässe.“ Im Niedrigpreis steckt eine Falle: „Denn erfahrungsgemäß lassen sich höhere Preise nicht so leicht durchsetzen, wenn wir selbst für Rohstoffe und weiterverarbeitete Produkte wieder tiefer in die Tasche greifen müssen.“

Auch der weltgrößte Chemiekonzern, die deutsche BASF, meldet einen Gewinneinbruch. Neben der Öl- und Gassparte ist auch der Chemikalienhandel unter Druck.

6. Gab es eine solche Lage schon einmal?

Ja. Im Sommer 2008 hatte der Ölpreis mit 147 Dollar je Fass ein Allzeithoch erreicht. Als dann im September die US-Investmentbank Lehman Brothers pleiteging, stürzte der Kurs innerhalb von vier Monaten auf 34 Dollar ab.

„Die Lage ist nicht so kritisch wie damals“, relativiert IW-Ökonom Bardt. „Aber das Wirkungsprinzip ist gleich: Wenn die Märkte mit einer schwächeren Weltwirtschaft rechnen, sinkt der Ölpreis.“

7. Wird das billige Rohöl eigentlich zum Klimakiller?

Natürlich wird die Strategie „Weg vom Öl“, die vor zwei Monaten von den Regierungschefs auf dem Weltklimagipfel untermauert wurde, durch den Preisverfall nicht gerade befördert. Doch andererseits gibt es ein ermutigendes Signal: Die weltweiten Investitionen in erneuerbare Energien stiegen 2015, trotz Ölpreisverfalls, um 4 Prozent auf den Rekordwert von 329 Milliarden Dollar. Sie bleiben also ein attraktives Geschäftsmodell. Schlecht für die Ölscheichs. Aber gut fürs Klima.

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