Wirtschaftskrise

Sicher durch den Sturm


Schlechte Nachrichten aus Großunternehmen machen die Runde. Doch wie ernst ist die Lage wirklich?

Ludwigshafen. Untergangsmeldungen haben derzeit Konjunktur: Die Finanzkrise zerlegt angeblich erst die Banken, dann die Auto-Indus­trie und schließlich die Chemie: „BASF schickt 5.000 Leute nach Hause“ titelte „Bild“.

AKTIV hat den Fall aufgegriffen. Und bei Unternehmensvertretern und Branchenkennern nachgefragt.

Fakt ist: Bundesweit sollen 5.000 Mitarbeiter Überstunden abbauen oder Urlaub nehmen, weil BASF vorübergehend Teile der Produktion herunterfährt. Weltweit sind 20.000 Mitarbeiter betroffen; 180 Anlagen werden zeitweise stillgelegt oder gedrosselt. Grund ist der Auftragsmangel. Aber geht ein Flaggschiff unserer Wirtschaft deshalb gleich unter, wie die Schlagzeilen nahelegen?

„Es ist bei weitem nicht so schlimm“, urteilt Lutz Grüten, Chemie-Spezialist beim Frankfurter Wertpapierhändler Kepler Equities. Ein Auftragsrückgang sei in der Wirtschaft nichts Ungewöhnliches – und die BASF-Spitze sei mit so etwas vertraut: Auch Ende 2001 gab es Anlagen, die zeitweise heruntergefahren wurden. Grüten: „Die Kunden aus der Auto- und Textil-Industrie bauen jetzt ihre Rohstofflager ab. Sobald die leer sind, treffen wieder deutlich mehr Aufträge ein.“

Trendwende in wenigen Wochen?

Und wann ist das? „Ich bin zuversichtlich“, sagt Ro­bert Os­­wald, der Vorsitzende des Ge­samtbetriebsrats. „Es ist mög­lich, dass sich der Wind in ein paar Wochen wieder dreht.“

Das ist kein Pfeifen im Walde, findet Christian Schlimm. Als Branchen-Experte von „Allianz Global Investors“ verfolgt er für Europas größten Finanzkonzern die Lage in der Chemie. Seine Prognose: „Die Nachfrage könnte bereits im Februar durch Lager-Wiederaufbau kräftig anziehen.“ Sein Argument: „Damit die Rahmenbedingungen so schlecht bleiben wie jetzt, dürfte zum Beispiel BMW kein einziges Fahrzeug mehr bauen.“

Für die stürmischen Wochen fühlt sich der BASF-Vorstandsvorsitzende Jürgen Hambrecht gut gerüstet: „Wir sind solide finanziert und ha­ben das beste Team an Bord, um die vor uns liegende Strecke zu meistern.“

Ludwigshafen ist weltweit die effizienteste Produktionsstätte.  „Unsere Standortvereinbarung, die keine betriebsbedingten Kündigungen zulässt, läuft bis 2010“, sagt Betriebsrat Oswald. „ Mitte nächsten Jahres verhandeln wir über eine Verlängerung bis 2015. Es gibt in der heutigen Situation keine Hinweise auf ein Stellenstreichungsprogramm.“

Facharbeiter extrem wichtig

Ohnehin rechnen Experten nicht mit großen Jobverlusten in den Stammbelegschaften der deutschen Industrie. Denn viel mehr als noch vor zehn Jahren nutzen die Betriebe heute flexible Instrumente wie Arbeitszeitkonten, Altersteilzeit – und auch den Einsatz von Zeitarbeitnehmern bei extremer Auftragslage. „Von Facharbeitern trennt man sich nur ungern“, beobachtet Schlimm. „Die fortschreitende Technik setzt in den Betrieben die Hürden hö­her, da findet man so schnell keinen Ersatz.“

500 Projekte für mehr Effizienz

Dennoch muss auch eine BASF die Segel reffen: Die Mitarbeiter bauen Zeitguthaben und Urlaubskonten ab, können sogar ihre Jahresarbeitskonten unterschreiten und später wieder aufbauen. Außerdem greift das Ende Oktober angekündigte weltweite Effizienz-Programm NEXT: „Es bündelt mehr als 500 Einzelprojekte“, erklärt Konzernchef Ham­brecht, „von der Vereinfachung von Arbeitsabläufen über eine stärkere Bündelung von Ressourcen bis hin zur Nutzung neuer IT-Technologien.“ Auch durch Zukäufe – wie Ciba – will man den Konzern stärken.

Und wie läuft es im kommenden Jahr für BASF? Die Analysten der Wertpapierhäuser sind zuversichtlich. Allianz-Experte Schlimm: „Auch wenn die Branche nicht gleich wieder an die sehr guten Jahre 2007 und 2008 anknüpfen wird – die Lage wird sich schon 2009 normalisieren.“

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