Reportage

Shop around the clock


Kommt jetzt die Rund-um-die-Uhr-Einkaufskultur?

Bremerhaven. Ein Trupp Jugendlicher walzt lärmend durch die Gänge auf der Suche nach Dosenbier. Ein Hafenarbeiter wuchtet Katzenstreu in den Einkaufswagen, Scannerkassen piepsen, ein Rentner beäugt kritisch ein Glas RapsHonig.

Eigentlich wäre der „Edeka-Aktivmarkt“ in der Bremerhavener Rudloffstraße ein ganz normaler Supermarkt. Wenn die Uhrzeit nicht wäre: halb eins nachts! Und der Markt ist – voll! Die ganze Nacht wird das so sein. Der nur einen Steinwurf vom Hafengebiet gelegene Markt hat werktags rund um die Uhr geöffnet. Fazit von Marktleiter Wolfgang Behrends nach knapp vier Jahren mit Power-Öffnungszeiten: „10.000 Kunden mehr pro Woche, 30 Prozent mehr Umsatz. Überwältigend!“

200.000 neue Jobs geschaffen

Shop around the clock: Lange Zeit wurde hierzulande darüber gestritten, als ginge es dabei um den Fortbestand des Abendlandes. Wer auch immer am scheinbar eisernen deutschen Ladenschlussgesetz rüttelte, erntete wütende Proteststürme: Von unzumutbaren Arbeitszeiten für die Beschäftigten des Einzelhandels war da die Rede, vom drohenden Abbau qualifizierter Arbeitsplätze.

Es ist anders gekommen. In den ersten drei Jahren nach der weitgehenden Freigabe der Ladenöffnungszeiten im Jahr  2006 (siehe unten) stieg die Zahl der Beschäftigten im Einzelhandel auf 2,9 Millionen. Ein Plus von 200.000! Die Hälfte davon waren 400-Euro-Jobs. Aber auch die Zahl der Vollzeitjobs kletterte in dieser Zeit um 20.000.

„Insbesondere der Lebensmitteleinzelhandel hat neue Arbeitsplätze schaffen können, und das nicht zuletzt wegen der längeren Ladenöffnungszeiten“, bestätigt Ulrike Hörchens, Sprecherin beim Handelsverband Deutschland (HDE) in Berlin.

Mandel-Blättchen und Fahrradschlauch

Zurück im Edeka-Aktivmarkt Bremerhaven, zwei Uhr nachts. Während ein Punk mit Nietenweste Stapelchips und Müsli (!) in einen Bastkorb (!!) packt, bestückt Nicole Stümpel einen Gang weiter die  Auslagen des Backshops mit frischen Brötchen. Von Mitternacht bis vier Uhr geht ihre Schicht, seit vier Jahren ist sie berufsmäßige Nachteule, 42 Stunden im Monat. „Für mich war das der Wiedereinstieg ins Arbeitsleben“, sagt sie. Lange habe sie zuvor vergeblich einen Job gesucht, der mit der Familie unter einen Hut zu kriegen war. „Jetzt verdiene ich was dazu, mir macht das Spaß, was also ist falsch an langen Öffnungszeiten?“

Stümpel gehört zu den 80 Mini-Jobbern, die Marktleiter Behrends für die Nachtstunden eingestellt hat. „Meist sind das Hausfrauen, Studenten, Arbeitslose“, so Behrends. Von den Vollzeitkräften müsse dagegen niemand zu später Stunde ran, „da arbeiten wir nur mit Aushilfen.“

Trotzdem habe man auch die Zahl der Vollzeitjobs erhöht. „Schließlich müssen wir tagsüber die Warenbestände für die Nacht auffüllen.“

Halb drei. Gemütlich schlendert Angelika Buck durch die Regalreihen. Sie ist Stammkundin, kommt mehrmals wöchentlich, immer nachts: „Ist entspannter als tagsüber, außerdem passt das in meinen Tagesablauf.“ Heute stehen Zutaten für einen Aprikosenkuchen auf dem Einkaufszettel.

„Mandelblättchen, ach ja, Zucker brauche ich noch“, sagt sie, während ein paar Meter  weiter ein Hafenarbeiter einen Fahrradschlauch zur Kasse bugsiert.

Kuchen-Zutaten und Fahrrad-Zubehör um halb drei – vor ein paar Jahren wussten davon höchstens USA-Urlauber zu berichten. Doch auch wenn Mondschein-Shopping werktags jetzt fast in allen Bundesländern erlaubt ist: Durchgehend geöffnete Märkte sind immer noch Exoten.

Laut Edeka-Konzernzentrale schließt nur ein gutes Dutzend Läden der blau-gelben Kette die Kassen werktags überhaupt nicht mehr. Konkurrent Rewe testet im Kampf um Marktanteile derzeit verstärkt Öffnungszeiten bis immerhin 24 Uhr.

Doch selbst HDE-Sprecherin Hörchens weiß nicht genau, wie viele Läden bundesweit bis 24 Uhr oder länger geöffnet haben: „Wir haben da keine Zahlen.“ Auch der Handelsexperte Mirko Warschun von der Düsseldorfer Unternehmensberatung A.T. Kearney glaubt nicht, dass 4-Stunden-Shopping bei uns zum flächendeckenden Phänomen wird: „Dafür gibt es nur an den wenigsten Standorten genügend Kundenfrequenz in der Zeit nach 22 Uhr.“

Sonntags bleibt die Kasse kalt

In belebten Großstadt-Lagen oder in der Nähe von Bahnhöfen werde das Angebot aber durchaus genutzt. „Zumeist von jüngeren und berufstätigen Kunden“, stellt Warschun  fest.

Wo es nicht angenommen worden sei, würden die Händler eben wieder früher schließen. „Da wird pragmatisch gedacht.“

Bremerhaven, drei Uhr nachts. Noch immer kommen Kunden, noch immer piepst die Scannerkasse, 24 Stunden lang, von Montag bis Samstag. Nur sonntags nicht: „Da ist und bleibt hier zu“, sagt Marktleiter Behrends. Manche Dinge gebe es eben dann doch nur in Amerika. „Und da können sie auch bleiben.“

Info: Ladenöffnungszeiten in Deutschland

Seit Juli 2006 regeln die Bundesländer die Ladenöffnungszeiten selbst. In der Mehrzahl haben die Länder seither die Öffnungszeiten von Montag bis Freitag vollständig freigegeben. Nur in Bayern und dem Saarland müssen die Läden noch um 20 Uhr schließen, in Rheinland-Pfalz und Sachsen um 22 Uhr. In neun Ländern gilt zudem auch an Samstagen „Shop around the clock“. Sonn- und feiertags dagegen darf nach wie vor nur in Ausnahmefällen geöffnet werden.

Artikelfunktionen


'' Zum Anfang