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Juristische Grauzone

Senioren: So ist das mit der 24-Stunden-Pflege aus Polen

Häusliche Pflege durch Pflegekräfte aus Polen – für Senioren und Angehörige scheint das oft eine gute Lösung zu sein. Ältere Menschen mit Pflegegrad können so weiter zu Hause wohnen. Doch rechtlich ist die Sache heikel.

Helfende Hand: In Deutschland fehlen viele Tausend Pflegekräfte. Foto: Adobe Stock

Helfende Hand: In Deutschland fehlen viele Tausend Pflegekräfte. Foto: Adobe Stock

Köln. Wohin mit dem pflegebedürftigen Vater, der nicht ins Heim will – lange hatte Angelika Meuters darüber gegrübelt. Dann schien die Lösung da: eine 24-Stunden-Pflegekraft. Aus Polen. „Ganz kurzfristig sollte eine erfahrene Pflegerin beim Vater einziehen“, sagt Meuters. Kosten für die Betreuung: 2.500 Euro monatlich. Stutzig wurde die junge Frau jedoch, als sie die Vermittlungs-Agentur nach Verträgen fragte. „Plötzlich hieß es: alles nur mündlich.“ Meuters sprang ab – nach einer Lösung für den dementen Vater sucht sie bis heute.

Rund-um-die-Uhr-Betreuung für ältere Angehörige, zu Hause und mit Personal aus Osteuropa – auf dem Pflegemarkt ist das ein ganz heißes Eisen. Laut Schätzungen sind derzeit bis zu 300.000 Pflegekräfte aus Osteuropa in deutschen Privathaushalten beschäftigt. Problem: „Gerade Angebote für die 24-Stunden-Pflege bewegen sich fast immer in einer rechtlichen Grauzone, nicht selten sogar komplett in der Illegalität“, sagt der Cottbuser Jura-Professor Lothar Knopp.

Betreuungshilfen statt echter Pflegekräfte

Mit einem Forschungsteam der Universitäten Cottbus und Breslau hat Knopp die Praktiken der Vermittlungsagenturen untersucht. Sein Fazit: „Für Pflegebedürftige oder ihre Familien ist es schwer, seriöse Anbieter von schwarzen Schafen zu unterscheiden. Weil sich viele Vermittler nicht in die Karten schauen lassen.“

Gründe dafür gibt es zuhauf. Allein der Ausdruck „Pflegekraft“ sei meist verfehlt. „In der Regel kommen da keine ausgebildeten Pflegekräfte, sondern eher Betreuungshilfen.“ Diese könnten zwar eine Grundversorgung gewährleisten. „Waschen, kochen, einkaufen, das geht schon.“ Doch medizinische Leistungen wie das Setzen von Spritzen seien solchen Kräften gar nicht erlaubt.

Auch das Versprechen, Pflegebedürftige rund um die Uhr zu versorgen, sei nicht mehr als ein Werbeslogan. Knopp: „Das ist mit deutschem Arbeitsrecht nicht zu vereinbaren.“ Unklar sei zudem oft, wie die Bediensteten bezahlt und wo die Einkünfte versteuert würden.

Dabei profitiert die Branche von einem eher geringen Fahndungsdruck seitens der zuständigen Behörden. „Ohne richterlichen Durchsuchungsbeschluss können wir gar nicht in Privathaushalte gehen“, so Klaus Salzsieder, Sprecher der Finanzkontrolle Schwarzarbeit, gegenüber AKTIV.


Ohne diese Betreuungskräfte geht es nicht

Dass sich da was ändert, erwarten Experten angesichts der durch die alternde Bevölkerung deutlich steigenden Zahl der Pflegebedürftigen (siehe Grafik) und dem schon heute krassen Fachkräftemangel in der Branche nicht. Professor Lothar Knopp: „Die Politik hat dieses Problem jahrelang einfach ignoriert. Und sie schaut auch weiter weg.“

Frederic Seebohm, Vorstand des Verbands für häusliche Betreuung und Pflege in Berlin, bringt die Sache so auf den Punkt: „Die osteuropäischen Betreuungspersonen sind derzeit nicht ersetzbar.“

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