Erinnerungslücken

Seltsame Logik der IG Metall in der Tarifrunde der größten Industrie

Herausgeber Ulrich Brodersen

Die Gewerkschaft argumentiert in der aktuellen Lohnrunde der Metall- und Elektro-Industrie nicht nur mit der erwarteten Zukunft. Sie bemüht auch noch die Vergangenheit: Ihre 6,5-Prozent-Forderung enthält eine Nachhol-Komponente aus dem Aufschwungjahr 2011, in dem das Tarifplus „nur“ 2,7 Prozent ausmachte. Doch es tun sich da beachtliche Erinnerungslücken auf.

War da nicht noch was? Müsste man nicht, wenn man schon zurückblicken will, die aktuelle Lohnforderung im Zusammenhang mit der schwersten Wirtschaftskrise der Nachkriegszeit verorten? Erinnern wir uns also gründlich. In den Blick zu nehmen sind dabei sowohl die Beschäftigungs- als auch die Lohnentwicklung der letzten Jahre.

„Keine Entlassungen in der Krise“ hatte die IG Metall im Herbst 2009 verlangt. Für sich genommen eigenartig genug! Wann sollte es jemals Personalabbau geben dürfen, wenn nicht in einer Lage, in der Aufträge und Umsatz einbrechen, in der die gesamtwirtschaftliche Leistung um 5,1 Prozent wegsackt? Zumal ausgerechnet in diesem schlimmen Krisenjahr auch noch ein Tariflohnanstieg von 4,2 Prozent durchgedrückt wurde, plus Einmalzahlung von 520 Euro.

Es war ein gemeinsamer Kraftakt von Arbeitgebern, Gewerkschaften und Politik, dass unser größter Industriezweig tatsächlich 800 000 Beschäftigte halten konnte, für die es keine Arbeit gab.

Während die ausländische Konkurrenz munter entließ, half in Deutschland insbesondere die Kurzarbeit. Die Hauptlast trugen die Betriebe. Die Heftigkeit der Krise und die Ungewissheit darüber, wie es weitergehen würde, ließ die IG Metall im Frühjahr 2010 einen Tarifvertrag unterschreiben, der zunächst ausschließlich eine Einmalzahlung vorsah. Und für 2011 eben die erwähnten 2,7 Prozent mehr Lohn.

Unterm Strich ergibt sich: Produktion, Produktivität und Beschäftigung haben erst 2011 den Vorkrisenstand wieder erreicht – aber die Tariflöhne liegen 9 Prozent höher als 2007, tarifliche Einmal- und betriebliche Bonuszahlungen kommen noch oben drauf. Auch real, also nach Abzug der Inflationsrate, bleibt ein Plus.

Die Arbeitgeberseite, obwohl sie eher Grund dazu hätte, sieht ihrerseits davon ab, Nachholbedarf geltend zu machen. Es ist guter Brauch, lohnpolitisch nach vorne zu blicken. Dass die IG Metall zurückschaut, ist Anzeichen für das Fehlen solider Begründungen für die Lohnforderung. Dass der Rückblick auch noch selektiv erfolgt, ist kein Zufall. Man will die Leute aufs Glatteis führen.


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