Spielraum sehr gering

Schwierige Tarifverhandlungen in der bayerischen Metall- und Elektroindustrie

München. Kein Fortschritt in der Tarifrunde für Bayerns Metall- und Elektroindustrie (M+E): Am 14. April wird in München wieder verhandelt – unterdessen bereitet die Konjunktur zunehmend Sorge.

So ist der von vielen als Verzweiflungstat bezeichnete Beschluss der Europäischen Zentralbank, den Leitzins erstmals auf 0,0 Prozent zu senken, verpufft. „Er hat die Erwartungen nicht wesentlich verändert“, hieß es Ende März beim ZEW-Institut, das regelmäßig Finanzexperten befragt. Eher schlecht sind auch die neuesten Zahlen des Ifo-Instituts speziell für M+E Bayern: Die Geschäftserwartungen der Unternehmen sind im Februar gesunken, ebenso die Einschätzungen zum Auftragsbestand und zu den Auslandsaufträgen.

Unrealistische Rechnung

Trotzdem rückt die IG Metall bisher nicht von ihrer Forderung nach 5 Prozent mehr Entgelt ab. „Sie blendet die Herausforderungen der Unternehmen komplett aus“, sagt Angelique Renkhoff-Mücke, Chefin des Markisenherstellers Warema Renkhoff SE in Marktheidenfeld und Verhandlungsführerin des Arbeitgeberverbands vbm. „In dieser Lage ist die Forderung völlig realitätsfern.“

Um sie zu begründen, bedient sich die IG Metall einer einfachen Addition: Sie orientiert sich an einem „mittelfristigen Anstieg der gesamtwirtschaftlichen Trendproduktivität“ von 1,1 Prozent, zählt die von der Zentralbank angestrebte „Zielinflationsrate“ von 2 Prozent hinzu sowie noch 1,9 Prozent „Umverteilungskomponente“. Das macht dann 5 Prozent.

Die Realität sieht eher so aus: 


 

Null Produktivität. Auf die jährlich 1,1 Prozent mehr Output je Erwerbstätigenstunde kommt man nur, wenn man einfach mal den Schnitt seit dem Jahr 2000 nimmt. Allerdings wird so ausgeblendet, dass es nach der großen Wirtschaftskrise 2008/09 deutlich weniger Zuwachs gab als davor (Grafik). In den letzten vier Jahren stieg die Produktivität im Schnitt nur um 0,5 Prozent. In der M+E-Industrie gab es 2015 sogar einen Rückgang von 0,1 Prozent.

 

Null Inflation. Auch sie ist von dem, was die IG Metall ins Feld führt, weit entfernt: Statt um die amtlich angepeilten 2 Prozent stiegen die Verbraucherpreise in Deutschland 2015 nur um 0,3 Prozent, ebenso im Durchschnitt der ersten drei Monate 2016. Übrigens würden kräftig steigende Preise auch die Beschaffungskosten der Unternehmen treiben – so gesehen ist Inflation kein Argument für die Forderungshöhe.

Null Umverteilung. Die Gewerkschaft verlangt, „die Beschäftigten fair an der wirtschaftlichen Entwicklung zu beteiligen“, und findet dieses Mal 1,9 Prozent obendrauf angemessen. Die Arbeitgeber kontern: Dafür gebe es keinerlei Anlass. Sie verweisen auf rund 20 Prozent Tariflohn-Anstieg seit der großen Krise, obwohl das Ergebnis je M+E-Arbeitsstunde seitdem um kaum 2 Prozent stieg – noch langsamer als in der Wirtschaft insgesamt. AKTIV hat dieses Problem in der vorigen Ausgabe ausführlich erklärt (nachzulesen unter aktiv-online.de/tarif-bayern).

Angesichts dieser Fakten halten die Arbeitgeber die Gewerkschaftsrechnung für unseriöse Zahlenspielerei. Tenor: Kaum Produktivitätswachstum und null Inflation ergeben fast null – und niemals die geforderten 5 Prozent. „Wir fordern die IG Metall auf, auf den Boden der Tatsachen zu kommen“, so Renkhoff-Mücke. „Wir brauchen jetzt tarifpolitische Vernunft, um Wertschöpfung und Beschäftigung in Bayern zu halten.“

Der vbm sieht die Tarifpolitik an einem Scheideweg. Bei den Investitions- und Beschäftigungsplänen der bayerischen M+E-Unternehmen spiele die Musik inzwischen vor allem im Ausland. „Die Wertschöpfung findet zunehmend dort statt, nicht hierzulande“, warnt Renkhoff-Mücke. „Wir können inländische Arbeitsplätze nicht dauerhaft mit ausländischen Gewinnen finanzieren.“

Immerhin in einem Punkt sind sich beide Seiten einig: Man strebt an, die Tarifbindung zu stärken. Schließlich bringt der Flächentarifvertrag Planungssicherheit. Und er sorgt dafür, dass die Produktion in den komplexen Wertschöpfungsketten nicht ständig durch Arbeitskämpfe in M+E-Betrieben gefährdet wird.

Ein Flächentarif muss attraktiv sein

Während die IG Metall Tarifbindung durch Druck auf die Betriebe erreichen will, sagt der vbm: Nur ein attraktiver Tarifvertrag sorge für Bindung – und hohe Abschlüsse bewirkten das Gegenteil. Der Flächentarif als System von Mindestbedingungen habe nur Zukunft, wenn seine Vorgaben für die Gesamtheit der Unternehmen tragbar bleiben.

Daher brauche es jetzt mehr flexible Elemente: als Antwort auf die früher nicht gekannten Unterschiede zwischen Branchen und Unternehmen innerhalb von M+E.

metalltarifrunde2016.de

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