Wichtige Fakten und ein großes AKTIV-Interview

Schwierige Tarifrunde in der Papierverarbeitung – was man dazu wissen sollte

Bald wird über die Tariflöhne in der Papier und Kunststoffe verarbeitenden Industrie verhandelt. Wie steht diese Branche eigentlich da? AKTIV hat genau hingeguckt – und den Verhandlungsführer der Arbeitgeber interviewt.

Zahlen, Zahlen, Zahlen: Nicht nur im Betrieb muss möglichst genau gerechnet werden. Foto: Fotolia

Zahlen, Zahlen, Zahlen: Nicht nur im Betrieb muss möglichst genau gerechnet werden. Foto: Fotolia

Berlin/Köln. Ende des Monats läuft der Tarifvertrag für die Papier, Pappe und Kunststoffe verarbeitende Industrie aus. Er war im Herbst 2014 unterschrieben worden und brachte den Beschäftigten erneut ein kräftiges Lohnplus. Während sich die Tariferhöhungen seit 2012 auf 12,4 Prozent addieren, sind die Verbraucherpreise nur um rund 5 Prozent gestiegen: Vereinfacht gerechnet, so der Arbeitgeberverband HPV in Berlin, ergibt sich ein realer Lohnanstieg von gut 7 Prozent.

Produzierte Menge ist weiter gesunken

Das könnte ruhig so weitergehen, meint die Gewerkschaft Verdi. Sie hat kürzlich 5 Prozent mehr Lohn gefordert – und führt als Begründung unter anderem an: „Der Papierverarbeitung geht es wirtschaftlich gut.“

Wobei die Gewerkschaft einräumt, dass die Produktionsmenge im ersten Halbjahr gesunken ist. Die Preise für Produkte der Papier verarbeitenden Industrie sind aber „nach jahrelanger Preisstagnation“ im ersten Halbjahr „um 1 Prozent im Vergleich zum Vorjahr gestiegen“, so Verdi weiter. Der Umsatz habe auch deshalb im ersten Halbjahr preisbereinigt um 1,7 Prozent zugelegt.

Mag also sein, dass sich da eine gefährliche Schere wieder etwas schließt: Seit Jahren ist nämlich der Umsatz der Betriebe insgesamt gesunken – während die Tariflöhne gestiegen sind. Dies zeigt eine aktuelle Studie des Instituts der deutschen Wirtschaft Köln (IW) für den HPV.

Die Arbeitgeber betonen dazu, dass Verdis neue Lohnforderung „die Wettbewerbsfähigkeit der Betriebe in der Fläche“ gefährde. Tatsächlich seien schon die letzten Abschlüsse „im Rückblick zu hoch“ gewesen. Denn bevor etwas verteilt werden kann, muss es ja erwirtschaftet werden – und hier zeigt sich laut HPV, dass viele Betriebe die gestiegenen Lohnkosten dann nicht einfach auf die Preise aufschlagen konnten.


Beispiel Wellpappe zeigt: „Überwälzung“ klappt oft nicht

Dass diese sogenannte „Überwälzung“ höherer Kosten auf die Kunden nicht gelang, rechnet das IW an einem Beispiel vor. Der Preis für Wellpappenrohpapier ist seit 2010 im Schnitt deutlich stärker gestiegen als der Preis für die Schachteln und Kartons aus Wellpapier oder Wellpappe – entsprechend weniger bleibt den Firmen nun in der Kasse.

Dieses Problem gibt es nicht nur beim Lohn. So versuchen die Papiererzeuger laut Studie, steigende Energiepreise „auf die Papierverarbeiter zu überwälzen“. Deren eigene Überwälzungsspielräume wiederum seien „gering“.

Wenn über höhere Löhne verhandelt wird, spielen in aller Regel auch die Teuerung sowie der Anstieg der Produktivität in den Betrieben eine wichtige Rolle. Dazu sollte man wissen: Die Inflationsrate lag im September bei 0,7 Prozent.

Und nach IW-Berechnung ist die Produktivität in der Papierverarbeitung schon seit 2012 gesunken! Selbst Verdi hat im Vergleich des ersten Halbjahrs 2016 mit dem ersten Halbjahr 2015 „einen Rückgang der Produktivität von 2 Prozent“ festgestellt. Erklären kann sich Verdi das „nur dadurch, dass ein großer Teil der Produktion auf Lager produziert wurde“.

Angesichts der Fakten hat der Arbeitgeberverband HPV die Gewerkschaft aufgefordert, „Augenmaß zu beweisen“. Bei anderen Tarifabschlüssen 2016 habe Verdi sich „an einem angemessenen Rahmen von um die 1,5 Prozent in der jeweils ersten Stufe orientiert“: Dies zeige, „dass die Gewerkschaft auch die Zukunftsfähigkeit der Branche in der Vordergrund stellen kann“.

Interview

Jürgen W. Peschel, Smurfit-Kappa-Manager und seit fünf Jahren Verhandlungsführer der Arbeitgeber. Foto: Steindorf-Sabath
Jürgen W. Peschel, Smurfit-Kappa-Manager und seit fünf Jahren Verhandlungsführer der Arbeitgeber. Foto: Steindorf-Sabath

Der Verhandlungsführer der Arbeitgeber zur nun beginnenden Tarifrunde

Berlin. Jetzt wird wieder über höhere Tariflöhne verhandelt, erstmals am 4. und dann am 25. November. AKTIV sprach darüber mit Jürgen W. Peschel, der Smurfit-Kappa-Manager ist seit fünf Jahren Verhandlungsführer der Arbeitgeber.

Rechnen Sie mit einer schnellen Einigung?

Ich glaube, dass es schwierige Verhandlungen werden. Die Forderung nimmt keine Rücksicht auf die wirtschaftliche Situation vieler Betriebe.

Geht es der Branche denn so schlecht?

Das ist sehr unterschiedlich. Bei den Kuvert-Herstellern ist die Lage tatsächlich dramatisch. Im Bereich Wellpappe haben wir Überkapazitäten durch neue Werke. Dazu kommen Verwerfungen durch stark schwankende Papierpreise. Und wir müssen alle Teile unserer sehr vielfältigen Branche im Blick haben, auch Konfektionierer, bei denen die Löhne einen sehr hohen Anteil der Gesamtkosten ausmachen, oder die Tapeten-Industrie, deren Exportmärkte weggebrochen sind.

Die Gewerkschaft meint: Ein kräftiges Lohnplus sei nötig, um Fachkräfte zu gewinnen und zu halten.

Das ist nicht Aufgabe eines Flächentarifvertrags. Er soll Mindestbedingungen festlegen, die für alle tragbar sind. Jeder Arbeitgeber kann ja jederzeit mehr bezahlen, wenn das in seiner Region erforderlich ist.

Außerdem ist die Rede von „Arbeitsverdichtung“, die honoriert werden müsse …

Ja, und da bleibt mir die Spucke weg! Moderne Maschinen können viel einfacher betrieben werden, bei Faltschachtel und Wellpappe haben wir mehr und mehr automatisierte Prozesse.

Wie wichtig wäre für Sie eine ausgedehnte Laufzeit des neuen Tarifvertrags?

Eine längere Laufzeit über zwei, drei Jahre bringt einfach mehr Planungssicherheit für die Betriebe. Und das sichert dann indirekt auch die Arbeitsplätze unserer Mitarbeiter.

Beim letzten Abschluss war das ja schon so.

Ja … allerdings waren die letzten Abschlüsse im Rückblick zu hoch.

Warum das denn?

Höhere Löhne muss man erst mal erwirtschaften. Und wir konnten diese Steigerung der Lohnkosten nicht überwälzen, also über höhere Preise an die Kunden weitergeben. Das hat der Markt einfach nicht hergegeben. Und das ist jetzt für viele Betriebe ein Problem. Diesen Faktor hat die Gewerkschaft offenbar nicht im Auge.

Verdi fordert, die Tariflöhne für allgemein verbindlich erklären zu lassen – sie also allen Betrieben vorzugeben. Was halten Sie davon?

Nichts. Denn so ein Zwang wäre nicht im Sinne der Koalitionsfreiheit, die wir in Deutschland haben. Mit diesem Ruf nach dem Staat würden die Tarifvertragsparteien einen Offenbarungseid leisten. Der Gesetzgeber soll sich nicht in die Lohnfindung einmischen – da sind sich unsere Unternehmen sehr einig.

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