Wer früher aufhört, kriegt weniger Geld

Schweden: So gut klappt’s da mit der Rente

Stockholm. Draußen vor dem Jazzkeller in der Altstadt stehen coole Nachtmenschen im Nieselregen, da unten im Backsteingewölbe brennt die Luft. Entzündet hat sie ein kleiner Mann mit schütterem Haarkranz und imposantem Bauch: Ulf Adåker. Mit seiner Trompete steht er in der Mitte des Raums. Die Augen geschlossen, die Backen dick, so spielt der 69-Jährige Stunde um Stunde, Köpfe nicken im Takt von Jazz und Blues, eine Frau beginnt zu singen.

Musik – für die Gäste ist sie Leidenschaft. Für Adåker vor allem: ein Job. „Ich lebe von der Gage, meine Rente allein würde nicht reichen“, sagt er nach dem Konzert.

Arbeit mit 69? Der Trompeter muss grinsen: „Na und? In Schweden saßen die Alten früher bloß rum und angelten.“ Heute arbeite man länger, „wir gehen später in Rente, das hält doch jung und nicht nur Musiker!“. Spricht’s, nimmt den Instrumentenkoffer und geht raus in die Stockholmer Nacht.

Alter Schwede! Spät in Rente und trotzdem Spaß in den Backen! Es scheint, als könnten wir uns da was abgucken. Denn: In Sachen Rentensystem machen die Nordlichter vor, wie es gehen könnte.

Seit seiner Einführung vor 15 Jahren gilt das „Svenska Pensionssystemet“ international als vorbildlich stabil und gerecht. Sein Kern: Mit 61 Jahren können Schweden frühestens in Rente gehen. Wann sie der Arbeit endgültig „Adjö“ sagen, bestimmen sie selbst – ein starres Renteneintrittsalter gibt’s nicht. Und die Schweden scheinen es nicht eilig zu haben mit dem Altenteil: Erst mit über 66 Jahren, das hat die in Paris ansässige Industriestaaten-Denkfabrik OECD ermittelt, hängen schwedische Männer im Schnitt ihren Job an den Nagel. Klar, dass deutsche Politiker und Rentenexperten während des Streits um die deutsche „Rente mit 63“ neidisch nach Norden linsten.

Bloß: Wie haben die das hingekriegt im Land von Abba und Ikea?

28 Prozent weniger Rente mit 61 Jahren

Empfindlich kühl ist es in diesen ersten Maitagen, graue Wolken hängen regenfett über dem Stockholmer Königspalast. Im Kungsträdgården-Park blühen ein paar Tulpen, Politiker lächeln zahnpastaweiß von Plakaten zur Europawahl. Mattias Lundbäck kann das alles nicht sehen – er steht im fensterlosen Besprechungsraum des Wirtschaftsforschungsinstituts „Ratio“ und erklärt, warum die Schweden so lange im Job bleiben.

„Weil es hier richtig Geld kostet, wenn man früher geht!“, sagt der Ökonom. Und dann kritzelt er mit quietschendem Filzstift nackte Zahlen an die Tafel: „Wer hier mit 61 aufhört, kriegt 28 Prozent weniger als jemand, der bis 65 arbeitet.“

Rums! Abschlagsfrei in Rente, nach 45 Beitragsjahren, so wie in Deutschland? Lundbäck, der als Berater früher selbst im Sozialministerium tätig war, späht spöttisch über die Brille. „Undenkbar. Das wäre das Ende des Systems.“


In Wirtschaftskrisen können die Renten sogar sinken

Hohe Abschläge für Frühaussteiger – nicht die einzige Kröte, die Schwedens Rentner seit der großen Reform von 1999 schlucken müssen. „Unser System hat eine eingebaute Schuldenbremse“, erklärt der Forscher. Heißt: Droht ein Loch in der Kasse, gibt’s weniger Rente. „Ein Minus von 3 Prozent ist schon mal drin.“

Ökonomen mag das eingebaute Stabilitätsprogramm begeistern. Aber was meint „Medel Svenson“, der Otto-Normal-Schwede? „Niemand streitet hier über die Rente“, berichtet Lundbäck, „die Menschen haben das System akzeptiert.“

Vielleicht murren sie ja nur leise, so wie Niklas Jernevad in seiner Küche. „Ich weiß, dass ich lange arbeiten muss, vielleicht sogar bis 73“, grantelt der 38-Jährige. „Und dass ich nicht so viel Rente dafür bekommen werde.“ Gerade kommt er vom Bank-Job nach Hause, schicke Wohnung im Stadtteil Norrmalm, mit Klavier und Kamin. Nach Geldsorgen sieht das nicht aus.

Trotzdem grübelt Jernevad ab und an. „Mein Vater ist jetzt 75 und arbeitet noch, mal sehen, wie das bei mir wird.“ Die Hypothek will er möglichst vorher tilgen, „damit es später nicht doch eng wird“.

Eng – das wird’s bei Sverker Södberg schon hin und wieder. Der 67-jährige ehemalige Altenpfleger sitzt vor einem Café in Stockholms Zentrum und erzählt, wie das so ist mit ihm und der Rente. Mit 63 hat er aufgehört zu arbeiten, vor der Zeit also, „ich wollte mehr Zeit für mich“. 10.000 Kronen bekommt er, gut 1.100 Euro, dazu ein bisschen Betriebsrente, zusammen „genug für eine Wohnung, zu wenig für ein Auto, aber es reicht“, sagt Södberg. Dass andere mehr Rente bekommen als er, hält er für fair: „Wer länger einzahlt, hat eben auch mehr verdient. Genau so muss es doch sein!“

Fakten

Foto: Fotolia
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So funktioniert die Rente im Land der Elche

  • Schweden können nach Belieben vom 61. bis 67. Lebensjahr in Rente gehen, in Abstimmung mit dem Betrieb auch noch später. Aber: Wer vor dem 65. Geburtstag in Rente geht, kriegt pro Jahr 7 Prozentpunkte weniger.
  • Wer dagegen länger arbeitet, bekommt einen noch höheren Zuschlag. Beim Ausstieg mit 70 gibt’s sogar 145 Prozent der Normal-Rente.
  • Die Durchschnittsrente lag 2012 bei 1.345 Euro. Zudem erhalten zwei von drei Arbeitnehmern Betriebsrenten.
  • 18,5 Prozent vom Bruttogehalt gehen an die Rentenversicherung. 16 Prozentpunkte davon in ein Umlagesystem, der Rest in eine kapitalgedeckte „Premiepension“.

 

 


Foto: Roth
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Der Frühaussteiger

Sverker Stödberg, 67. Vor vier Jahren hat der ehemalige Altenpfleger seinen Beruf an den Nagel gehängt. „Das hat mich viel Geld gekostet.“ Dass andere mehr Rente bekommen als er, findet er nur gerecht. Renten-Frustfaktor: null. „Ich bin zufrieden, für ein Bier mit Freunden reicht’s.“


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Der Skeptiker

Niklas Jernevad, 38, geht davon aus, lange arbeiten zu müssen und vergleichsweise wenig Rente zu bekommen. „Von mir aus arbeite ich auch bis 73, wenn ich dann die volle Rente bekomme. Aber dann sollten wir Arbeitnehmer das auch frühzeitig erfahren.“ Renten-Frustfaktor: mittel. „Mal sehen, wie das später wird.“


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Der Nimmermüde

Ulf Adåker, 69, arbeitet noch immer als Berufsmusiker, gibt Konzerte in ganz Schweden. Nicht nur aus Liebe zum Jazz: „Ich brauche die Gagen zum Leben, kombiniere eine Teilpension mit meinem Arbeitseinkommen.“ Renten-Frustfaktor: gering. „Ich würde eh nicht aufhören.“

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