Unterwegs mit den Ticket-Kontrolleuren

Schwarzfahrer kosten die Nahverkehrsbetriebe mindestens 250 Millionen Euro

Düsseldorf. Ein Grollen in der Tunnelröhre, der nächste Zug fährt ein. Und mitten im Gedränge steht Ursula Heinz-Peisker mit ihren beiden Kollegen. Die Türen öffnen sich, das Team verschwindet im hintersten Wagen und zückt seine Geräte: „Die Fahrausweise bitte!“

Die Kontrollettis sind los – und die Frau mit den kurzen blonden Haaren ist die Chefin des Trupps. Haben hier, auf der U-Bahnlinie 78 zwischen Düsseldorf Hauptbahnhof und Messe, auch alle brav gezahlt? Wenn nicht, sind 40 Euro fällig. Ursula Heinz-Peisker kennt kein Pardon: „Ohne Ticket einsteigen, geht nicht“, lautet ihr Prinzip. „Wir sind ja schließlich kein rollender Bürgersteig.“

Spätestens zur Jahresmitte soll das „erhöhte Beförderungsentgelt“, wie es auf den Warnplakaten angedroht wird, schlagartig um die Hälfte steigen, auf 60 Euro. Der Bund muss dafür noch zwei Verordnungen ändern. Man will Druck machen. Denn der Schaden durch Schwarzfahrer ist immens.

„Allein bei uns sind es jährlich 2,5 Millionen Euro“, sagt Eckhard Lander. Er ist Sprecher von „Rheinbahn“, dem Arbeitgeber der drei Kontrolleure und Betreiber des Düsseldorfer Nahverkehrs. „Wir gehen davon aus, dass von unseren 200 Millionen Fahrgästen 4 Millionen ohne gültiges Ticket unterwegs sind.“

Das sind rechnerisch kaum mehr als 60 Cent Schaden je Schwarzfahrt – weil die Betreiber ihn auf Basis des günstigsten Zeittarifs beziffern. Aus diesem Grund liegt auch die bundesweite Zahl am unteren Rand. Sie ist trotzdem happig: eine viertel Milliarde Euro im Jahr!

Der Verband Deutscher Verkehrsunternehmen (VDV) in Köln begrüßt deshalb den gesetzlichen Vorstoß als Mittel zur Abschreckung. Neben den entgangenen Einnahmen schlagen bei den Verkehrsbetrieben die Kosten für die Kontrollen zu Buche; es sind bundesweit noch einmal 100 Millionen Euro im Jahr.

Rheinbahn-Sprecher Lander stellt klar: „Die Zeche zahlen ja die ehrlichen Kunden – und die Steuerzahler.“ Denn nur ein kleiner Teil des Schadens wird durch die Strafzahlungen der Ertappten wettgemacht. In der Region Düsseldorf ist es bisher rund 1 Million Euro im Jahr. „In bis zu einem Drittel der Fälle gehen wir leer aus“, so Lander. „Weil die Betroffenen kein Geld haben.“

Bei der blonden Dame, die gerade von Ursula Heinz-Peisker erwischt wurde, ist das wohl nicht der Fall. Sie versichert: „Man hat mir gerade das Portemonnaie geklaut! Und da war das Job-Ticket drin!“ Zum Glück hat sie noch ihren Personalausweis in der Manteltasche stecken. Einer der Kontrolleure nimmt die Daten auf. Sie hat 14 Tage Zeit, ihre Fahrberechtigung nachzuweisen. Sonst muss sie blechen.

Schließlich sind die Verkehrsbetriebe auf jeden Cent angewiesen: Der Kostendeckungsgrad liegt bundesweit bei nur 79 Prozent. Von jeweils 100 Euro können 21 Euro nicht reingeholt werden. Dafür müssen die Kommunen aufkommen. Was oft nicht gelingt – sodass viele Anbieter des öffentlichen Nahverkehrs auf Verschleiß fahren. Laut Verband VDV hat sich inzwischen bei Bus und Bahn ein Investitionsstau von 4 Milliarden Euro gebildet.

Die Rheinbahn kann immerhin 82 Prozent ihrer Kosten erwirtschaften – und gehört damit zu den profitabelsten Verkehrsbetrieben in Deutschland.

Fiese Verbalattacken – und einmal ging die Brille zu Bruch

Neben den 40 angestellten Ticket-Kontrolleuren fragen in Düsseldorf auch Mitarbeiter einer Sicherheitsfirma nach den Fahrausweisen: austrainierte Jungs, die ausschließlich nachts unterwegs sind und hart durchgreifen können.

Der Beruf sei gefährlich, sagt Ursula Heinz-Peisker: „Einmal ging meine Brille kaputt.“ Eine Jugendliche hatte sie angegriffen, gleich vier Polizisten mussten einschreiten. „Und die Studenten“, fügt sie mit ironischem Unterton hinzu, „sind ja manchmal ganz besonders freundlich. Einer meinte mal: ‚Hätten Sie studiert, bräuchten Sie den Job nicht zu machen!‘“

Sie hat gekontert: „Ich habe auch studiert – nämlich Respekt und Anstand!“ Ist sie schon selbst schwarzgefahren? „Nie!“, sagt sie resolut. „Mein Großvater war bei der Rheinbahn Obermeister in der Werkstatt. Der hätte mir den Kopf abgehauen.“


Es reicht vorn und hinten nicht

Tickets müssten viel teurer sein, um die Kosten zu decken

Berlin. Rund 10 Milliarden Fahrten werden in Deutschland jährlich im öffentlichen Nahverkehr zurückgelegt – die Ticket-Einnahmen summieren sich auf 11 Milliarden Euro, also im Schnitt 1,10 Euro pro Fahrt. Das Geld kommt von den Fahrgästen, aber auch von der öffentlichen Hand, die etwa die Tickets von Schülern oder Hartz-IV-Empfängern subventioniert.

Doch kostendeckend ist das bei weitem nicht. Bei den kommunalen Betreibern, also ohne den Nahverkehr der Deutschen Bahn, decken die Passagier-Entgelte und Subventionen nur insgesamt 57 Prozent der Kosten im laufenden Betrieb. Rechnet man das Geld aus Vermietung (etwa Kioske in U-Bahn-Stationen) und Werbung (Plakate) hinzu, reicht es für 79 Prozent. Von den rund 600 im Bundesverband VDV organisierten Nahverkehrsbetrieben haben die in München, Stuttgart und Düsseldorf den höchsten Kostendeckungsgrad.

Damit sind zwar zum Beispiel Personalkosten und Reparaturen gedeckt, nicht aber Neuinvestitionen. Die werden ausschließlich vom Staat bezahlt. Die Verkehrsbetriebe müssen also Geld beantragen: etwa aus den „Regionalisierungsmitteln“ des Bundes (dieses Jahr 7,4 Milliarden Euro), den „Entflechtungsmitteln“ (1,3 Milliarden) oder den Bundesmitteln aus dem „Gemeindeverkehrsfinanzierungsgesetz“ (0,3 Milliarden).

Um diese Töpfe gibt es ein hartes Ringen – weil sie auch andere Zwecke fördern müssen. Und in der Regel fließt nur Geld, wenn die Kommune auch hier noch einmal zubuttert.

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aktualisiert am 14.01.2015

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