Rohstoffe

Schwarzes Gold aus Prittelbach


Auch Deutschland fördert Erdöl. Nur leider zu wenig…

Die Dishdasha, ein etwa knöchellanges, weißes Baumwoll-Gewand, ist das traditionelle Kleidungsstück arabischer Männer, gern getragen von Ölscheichs aus der Golfregion.

Im bayerischen Prittlbach bei Dachau würde man damit wohl reichlich Aufsehen erregen. Dabei hätten die Bewohner des 800-Seelen-Nests ja durchaus Grund, sich neben Lederhose und Dirndl auch eine Dishdasha in den Bauernschrank zu hängen.

Denn tief unter ihren akkuraten Vorgärten lagert doch tatsächlich der Saft, nach dem die Welt dürstet: ERDÖL!

An die bayerische Sonne geholt wird es mit einer vom Mineralölkonzern RWE Dea betriebenen Pumpanlage, nur einen Steinwurf vom Dorfkern entfernt. Schwarzes Gold, „Made in Bavaria“ – ja, Sakradi, do legst di nieda!

„Jeder Tropfen wird gern genommen“

Die Sache hat nur einen Haken: Pro Jahr tröpfeln in Prittlbach gerade mal 4.000 Tonnen Rohöl in die Tanks. Das ist in etwa die Menge, die Deutschland alle 20 Minuten importieren muss, um seinen Öldurst zu stillen.

Doch die Sache lohnt sich trotzdem – wegen des derzeit enorm hohen Ölpreises. Mitte März knackte der Kurs für das Barrel (159 Liter) der Referenzmarke „Light Sweet Crude“ erstmals die neue Schock-Marke von 110 Dollar. Binnen Jahresfrist hat sich der Ölpreis damit mehr als verdoppelt. Für Eigenheimbesitzer oder Autofahrer ein teurer Trend. Für die deutschen Mineralölkonzerne jedoch ein Segen.

Der Grund: Lange Zeit galt die Förderung des kostbaren Nasses aus deutschem Boden als zu teuer. Der hohe Weltmarktpreis für Rohöl hat das geändert. „Derzeit lohnt sich auch eine Förderung mit hohem technischen Aufwand“, sagt Derek Mösche, Sprecher der RWE Dea AG. Die Unternehmen der Branche hoffen auf einen großen Schluck aus der Profit-Pulle – und schicken derzeit ganze Trupps von Geologen durch die Lande.

Deren Mission: Die Erkundung neuer Vorkommen zwischen Flensburg und Füssen. „Jeder Tropfen wird im Moment eben gern genommen“, so Mösche.

Zurück auf dem Prittlbacher Ölfeld. „Wir fördern unser Öl hier aus 1,5 Kilometern Tiefe“, erklärt Betriebsführer Markus Schuster. „Alle paar Tage kommt ein Tankwagen, der das Öl dann in eine Raffinerie in Österreich kutschiert.“

Großer Durst, kleine Pfütze

In gelber Warnjacke und mit behelmtem Haupt stapft Schuster über das eingezäunte Mini-Ölfeld, checkt ein paar Anzeigen und den Pegelstand der drei Tanks.

Viel mehr ist auch nicht zu tun hier: „Die Anlage funktioniert vollautomatisch, alles andere wäre zu teuer. Nur zu Routinekontrollen kommt einer von uns mal vorbei.“

Seit 27 Jahren holen sie hier so das Öl aus der Erde. 2018 dann, so schätzen die Dea-Geologen, wird das Feld leer gepumpt sein.

Angesichts der gesamtdeutschen Fördermenge von rund 3,4 Millionen Tonnen im vergangenen Jahr wird die Trockenlegung der Prittlbacher Bonsai-Lagerstätte zu verschmerzen sein. Zum Vergleich: Die Plattform Mittelplate im Schleswig-Holsteinischen Wattenmeer liefert jährlich gut zwei Millionen Tonnen.

Doch Prittlbach hin, Mittelplate her: Gemessen am ungeheuren Öldurst Deutschlands ist all das, was da unter deutscher Scholle an Öl noch lagert, nur eine kleine Pfütze. „Die deutschen Vorkommen sind mit nur 51 Millionen Tonnen sehr gering“, bestätigt Barbara Meyer-Bukow vom Mineralölwirtschaftsverband.

Das reicht hinten und vorne nicht. Weil Autos nun mal betankt, Heizungen betrieben werden wollen und auch die Industrie auf Mineralölprodukte nicht verzichten kann. Von denen wurden 2007 in Deutschland fast 109 Millionen Tonnen verkauft.

Das zu ihrer Produktion nötige Rohöl musste zu 97 Prozent importiert werden. So kaufte Deutschland allein im vergangenen Jahr 107 Millionen Tonnen Rohöl im Ausland – mehr als die doppelte Menge der gesamten heimischen Vorkommen. Kostenpunkt: Knapp 42 Milliarden Euro!

Der größte Schluck kam aus Russland (34 Millionen Tonnen), gefolgt von Norwegen (17) und Großbritannien (14).

Erdäpfel statt Erdöl

Immerhin: Derzeit ist der Nachschub gesichert. „Dass das Erdöl in absehbarer Zeit zur Neige geht, ist zu bezweifeln“, sagt Manuel Frondel vom Rheinisch-Westfälischen Institut für Wirtschaftsförderung.

In Prittlbach dagegen ist das Ende bekanntlich abzusehen. „Reich geworden ist hier durch das Öl eh keiner“, die Prittlbacherin Maria Wallner. Auch der Landwirt, auf dessen Acker die Pumpe steht, bekomme nur einen „leicht erhöhten Pachtzins“, weiß Wallner.

Was der mit seinem Feld für die Zeit nach dem Erdöl vorhabe, sei auch schon klar: „Erdäpfel anbauen“.

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Schlagwörter: Rohstoffe Umwelt

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