Energie

Schonfrist im Dunkeln


Wie die Kumpel im Steinkohle-Abbau mit dem Ausstiegsbeschluss leben

Aufatmen bei den Bergmännern: Ganz so schnell wie befürchtet wird ihre Arbeitswelt nicht verschwinden. Die EU-Kommission hat eingelenkt, der deutsche Steinkohle-Abbau wird statt bis zum Jahr 2014, wie bisher gefordert, nun immerhin bis 2018 subventioniert. Dennoch: Die traditionsreiche Branche stirbt. Wie kommen die rund 27.000 Mitarbeiter damit klar? AKTIV hat zwei von ihnen getroffen. 1.200 Meter unter der Erde.

Ibbenbüren. Es ist ein langer Weg in diese andere Welt. Über die so viel geschrieben wird. Aber meistens von oben. Gut 60.000 Euro Steuergeld pro Jahr für jeden Arbeitsplatz, schimpfen die einen. Unser kostbarer Bodenschatz, sagen die anderen.

Es ist ein langer Weg, im Dämmerlicht, und es ist warm. Zwei Minuten ging es mit dem ratternden Aufzug nach unten, in 1.200 Meter Tiefe, von winterlichen Außentemperaturen hin zu knapp 30 Grad. Und dann endlose 20 Minuten zu Fuß durch den Stollen. Vorbei an Förderbändern, über Bretter, die den Weg durch riesige Pfützen sichern sollen.

Und da sitzt er, wie in den Stein gehauen, und zieht eine Schraube am zwei Meter langen Kohlehobel nach: Michael Fritz (41), Vater von drei Kindern, Gerätewart in der Steinkohle-Zeche „Anthrazit“ in Ibbenbüren.

„Dass ich hier arbeite, ist genetisch bedingt“, begrüßt er die AKTIV-Reporterin. „Mein Vater, mein Großvater, mein Urgroßvater und so fort, sie alle haben in einer Steinkohlezeche gearbeitet.“

Er sagt es aus Trotz. Denn er weiß: In dieser langen Bergmann-Tradition soll er definitiv der Letzte sein.

Keine echte Alternative

Schon vor zwei Jahren haben die kohlepolitischen Entscheidungen von „denen da oben“ das Privatleben von Michael Fritz auf den Kopf gestellt. Zusammen mit 160 Kollegen verschlug es ihn aus dem 500 Kilometer entfernten Saarland hierher, in den nördlichen Zipfel von Nordrhein-Westfalen.

Sein Arbeitgeber, die RAG Deutsche Steinkohle AG, bot ihm das an. Denn seine alte Zeche macht im Rahmen des politisch beschlossenen Fahrplans zum Subventionsabbau schon im Juli 2012 dicht, und die Belegschaft wird schon jetzt schrittweise reduziert.

„Wir hatten keine ernstzunehmende Alternative zu diesem kleinen Neuanfang“, sagt Fritz. Seine Frau, die große Tochter und die kleinen Zwillinge sah er seitdem nur noch sporadisch – manche Kollegen pendeln jedes Wochenende, aber das ist nicht sein Ding. Er hat sich eingerichtet: Wenn er nach seiner Schicht wieder oben im Tageslicht angekommen ist und sich mit der Kernseife den schwarzen Staub von der Haut geschrubbt hat, fährt er in seine 50-Quadratmeter-Zweitwohnung.

Immerhin: Zum Schulanfang im Sommer kommt die Familie endlich nach. Schließlich gibt es für den Arbeitsplatz von Michael Fritz, und für seinen Beruf, jetzt eine letzte Schonfrist. Im Dezember 2010 hat sich die Brüsseler EU-Kommission entschlossen, Steinkohle-Hilfen doch noch bis 2018 zu erlauben.

Erst im vergangenen Sommer war sie auf die Idee gekommen, den Ausstieg aus dem subventionierten Abbau auf 2014 vorzuziehen – und sie hat aufgrund der europäischen Verträge in dieser Frage letztlich mehr zu sagen als die Bundesregierung. „Das wäre eine Katastrophe für uns alle gewesen“, sagt Fritz.

„Zeche ist Zeche“

Die RAG tut viel, um es ihren Neulingen aus dem Saarland in Ibbenbüren leicht zu machen. Sie organisieren einen Stammtisch, sie helfen bei der Schul-Auswahl, bei der Wohnungssuche, geben Freizeittipps, veranstalten Fußballturniere. „Ich wurde sehr freundlich aufgenommen“, sagt der Kumpel Uwe Hoffmann (46), der erst seit ein paar Monaten hier ist.

Die Region sei ihm zwar fremd, aber untertage ist er zu Hause. „Zeche ist Zeche“, sagt Hoffmann. Früher galt der Beruf als absolut sicher. Für Hoffmann, der als Vermessungsingenieur arbeitet, war das der Hauptgrund, diesen Weg einzuschlagen. Etwas anderes wollte er nie machen. „Wer konnte ahnen, dass die Branche irgendwann stirbt?“

Es waren einmal 600.000 Kumpel

Seit 2007 ist die Welt in den Zechen nicht mehr so wie sie mal war: In diesem Jahr tritt das Steinkohlefinanzierungsgesetz in Kraft. Bis 2018 regelt es die sozialverträgliche Abwicklung. Zwar gäbe es noch genug, was man zutage fördern könnte – die geschätzten Ressourcen in Deutschland liegen bei 83 Milliarden Tonnen, das würde beim derzeitigen Stand der Produktion für Jahrtausende reichen.

Doch Kohle etwa aus China, Australien oder Südafrika ist auf dem Weltmarkt für einen Bruchteil der deutschen Förderkosten zu haben. Deshalb war die Produktion nur mit massiver staatlicher Hilfe  möglich – und die wird nun zurückgefahren.

In den 50er-Jahren arbeiteten rund 600.000 Menschen im deutschen Steinkohlebergbau. Ihre letzten Vertreter, wie Michael Fritz und Uwe Hoffmann, pflegen wie keine andere Berufsgruppe ihre Tradition: mit dem „Glück auf!“-Gruß, besonderer Arbeitskleidung, eigenen Liedern und der Heiligen Barbara als Schutzpatronin. In sieben Jahren ist Schluss.

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