Reportage

Schöner als Döner


Ortstermin: Wie Multi-Kulti-Wirtschaft einen Stadtteil belebt

Duisburg. Lydia hat nichts anzuziehen. Die junge Frau steht in einem Laden für türkische Brautmoden, um sie herum wuselt eine halbe Busladung Freundinnen. Gerade ist Lydia in den nächsten Traum aus weißer Seide geschlüpft, wie eine Prinzessin aus 1001 Nacht sieht sie aus. Es wird gezuppelt und gezogen, „dreh dich doch mal“, „die Haare mal zurück jetzt“. Nur die angehende Schwiegermama schüttelt grimmig das bekopftuchte Haupt. Für Lydia heißt das: nächster Laden.

Weit werden sie nicht laufen müssen: In Duisburg-Marxloh buhlt gleich ein Dutzend türkischer Brautmoden-Boutiquen ums Geld der Heiratswilligen, zehn weitere werden bald öffnen. Auf ein paar Hundert  Metern.

Die Bosse vom Bosporus

Türkische Unternehmen in Deutschland – wem da nur die nächste Dönerbude in den Sinn kommt, der sollte schleunigst mal umdenken. Nach Zahlen der „Stiftung Zentrum für Türkeistudien“ an der Uni Essen beschäftigten bereits im Jahr 2007 hierzulande mehr als 70.000 türkische Unternehmen über 340.000 Menschen. „Im gleichen Jahr lag der Umsatz dieser türkischen Firmen bei 36 Milliarden Euro“, so eine Studie des deutsch-türkischen Unternehmerverbands Atiad in Düsseldorf.

Übersetzt heißt das: Längst haben sich türkischstämmige Existenzgründungen zum beträchtlichen Wirtschaftsfaktor und Arbeitgeber gemausert. Wichtigste Branche für die Bosse vom Bosporus ist dabei nicht die Gastronomie. Sondern der Handel.

Und das lässt sich eben nirgendwo so gut beobachten wie auf der Weseler Straße in Duisburg-Marxloh.

In seinem Geschäft räumt Tamer Uyar den Berg aus Chiffon- und Satin-Kleidern, den Lydia und ihre Entourage hinterlassen haben, wieder zurück auf die Ständer, dazu schmalzen türkische Liebeslieder aus den kleinen Boxen unter der Decke.

Vor 30 Jahren kam Uyar aus seiner Heimtstadt Adana in den Pott. Er entdeckte das Geschäft mit den Gefühlen und eröffnete seinen ersten Laden für Brautmode. „Heute führe ich drei Geschäfte, beschäftige zwölf Angestellte, es läuft richtig gut hier“, sagt er.

Kunden kommen aus halb Europa

Auch deshalb, weil Marxloh längst als Mekka für türkische Hochzeits-Gesellschaften gilt. Von der Tischdeko bis zum Hairstylisten, vom Goldschmuck bis zur Abendgarderobe – Marxlohs immer zahlreicher werdende türkische Einzelhändler bieten alles an.

Dass die Auswahl westlich von Istanbul nirgends größer ist als in Duisburg, hat sich längst herumgesprochen. An Samstagen reisen türkische Brautpaare aus ganz Deutschland an, „unsere Kunden kommen auch aus Holland, Belgien oder sogar Frankreich“, sagt Uyar.

Vor ein paar Jahren noch sah das anders aus in Marxloh. Statt buntem Treiben herrschte Tristesse, die meisten Ladenlokale standen leer, und wer noch da war, wollte meist nur eins: weg.

Bis sich die türkischen Geschäftsleute, ermuntert und gefördert von der Stadt Duisburg, vernetzten, die verwaisten Läden übernahmen und auf die Karte „Hochzeit“ setzten. Was im Ökonomen-Fachchinesisch wohl als „Cluster-Bildung“ bezeichnet würde, drückt Tamer Uyar so aus: „Trotz Konkurrenz: Wir profitieren doch alle voneinander. Der türkische Goldschmied profitiert vom türkischen Brautmodenhändler, der Friseur vom Nagelstudio, der Anwalt vom  Steuerberater.“

Leerstand – dass dies in der Weseler Straße derzeit ein Fremdwort ist, merken auch Züleyha und Volkan Ölekli Tag für Tag. Nur einen Steinwurf vom Zentrum des Braut-Booms entfernt betreibt das junge türkische Ehepaar seit ein paar Jahren das Juweliergeschäft „Divagold“. In den Auslagen liegen blitzende Diademe, Ohrringe und Armreifen, der Renner sind komplette „Braut-Sets“ für 500 Euro. „Der Laden hier war früher eine mit Brettern vernagelte Ruine“, erzählt Züleyha Ölekli.

Das Paar ließ sich davon nicht abschrecken und wagte den Schritt in die Selbstständigkeit. Mit Erfolg: Händeringend suchen die beiden gerade ein größeres Lokal auf der Hauptstraße – und finden keins. „Die Nachfrage nach Geschäftsräumen in guter Lage ist groß“, sagt sie.

Das weiß auch Aykut Yildirim vom „Verein Türkischer Unternehmer in Duisburg“. Der sieht Marxloh gar als Vorbild für andere Ruhr-Regionen: „Wir sind der einzige Stadtteil, der den Strukturwandel überwunden hat.“

„Keiner heiratet in Jeans“

Und das trotz Krise. Apropos: An die glaubt zumindest der Brautmoden-Händler Uyar ohehin nicht so richtig. „Krise? Hochzeiten sind ein krisensicheres Geschäft“, sagt er, während er weiter Kleider einsortiert. „Schließlich will ja niemand in Jeans heiraten.“ 

Auch Braut Lydia nicht. Nur mit der Kleidersuche muss sie sich dann langsam beeilen: Im Mai endet die türkische Hochzeitssaison.

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