Gastbeitrag

Schaut auf unsere Ozeane!


Sie können zum Rohstoff- und Energie-Lieferanten der Zukunft werden, sagt der Kieler Meeresforscher

Haben Sie das gewusst? Deutschland hat die Rechte an einem Stück Nordpazifik – fast so groß wie Nordrhein-Westfalen und Niedersachsen. Dort gibt es im Boden Metall-Knollen, Seltene Erden, kostbare Ausgangsstoffe für unsere Industrie. 2006 kaufte die Bundesanstalt für Geowissenschaften und Rohstoffe von der Uno eine Erkundungslizenz. Jetzt werden die rechtlichen Rahmenbedingungen für eine mögliche Förderung erarbeitet.

Die Ozeane rücken in den Blick – als Rohstoff-Quelle, aber auch durch Veränderungen infolge unserer Zivilisation. Auch deshalb fördert die Bundesregierung den Kieler „Exzellenzcluster Ozean der Zukunft“: 240 Wissenschaftler erforschen von Kiel aus den Ozean-Wandel, seine Ressourcen und Risiken.

Meeresspiegel stärker gestiegen als gedacht

Unsere Metall-Hoffnung im Pazifik ist nur ein Beispiel. Für die Pharma-Industrie ist die Tiefsee die Herausforderung Nummer eins: Die Land-Biomasse ist als Wirkstoff zu 90 Prozent erforscht, die des Ozeanes zu 20 Prozent. Man denkt neuerdings darüber nach, ob man in der Medizinforschung statt mit Mäusen mit Tintenfischen experimentieren sollte.

Die Gas-Hydrate an den Ozean-Rändern könnten eine Riesen-Energiequelle für unsere Enkel sein – das Zehnfache der Erdöl- und Erdgas-Reserven. Beim Verbrennen entstünde aber noch mehr Klimagas Kohlendioxid (CO2). Eine der Fragen, die uns Forscher beschäftigt: Könnte man das nicht wieder im Meeresboden deponieren? Ein norwegischer Konzern macht das seit 15 Jahren im Pilotversuch unter der Nordsee. Der Meeresboden der Tiefsee wäre noch mal viel sicherer als die viel diskutierte CO2-Endlagerung an Land, aber auch viel teurer. Wollen wir das? Wer entscheidet das? Gar nicht so leicht.

Die Meeresforschung wird nicht nur von der Industrie gebraucht – sie profitiert auch enorm von deren Erfindungen. Wo einst Notizen der Hafenkapitäne herhalten mussten, messen heute Satelliten den Meeresspiegel auf einen Zentimeter genau. Im globalen Mittel ist er seit 1990 um rund vier Zentimeter gestiegen – mehr, als der Weltklimarat damals im Worst-Case-Szenario vorhersagte.

Das Meer wird wärmer, dehnt sich also aus – und Grönlands Eispanzer schmilzt schneller als gedacht. Würde er verschwinden, bekämen wir fünf Meter Anstieg. Das ist für die nächsten 300 Jahre nicht zu erwarten. Aber Probleme wird es geben beim Meeresspiegel. Der Ozean ist beim Klimawandel auch unser großer Freund. Die Hälfte des CO2, das aus Schornsteinen und Autos entweicht, findet sich nicht in der Luft: Es wird in oberen Schichten des Meerwassers gebunden. Jetzt kann man sagen: Super. Doch erstens gibt es da einen Sättigungseffekt. Und zweitens kommt die Chemie ins Spiel.

Ein globales Forschungsprojekt

Füllen Sie zu Hause mal eine Flasche mit Sprudel und eine mit Leitungswasser – und stecken Sie in beide ein Stück Tafelkreide. Nach drei Tagen sehen Sie: Das Stück im Sprudel mit dem hohen CO2-Gehalt ist richtig angefressen. So wie das Kalk der Tafelkreide, Überbleibsel uralter Meeresorganismen, leiden auch heutige Organismen unter der relativen Versauerung der Meere.

Wie dies das gesamte Lebensgefüge ändern könnte, wird erst seit kurzem wirklich beforscht. Die Daten sind besorgniserregend. Vielleicht kaufen wir uns in 50 Jahren am „Nordsee“-Imbiss keinen Fischburger mehr, sondern einen Quallenburger. Kann man auch machen. Aber wollen wir das? Großes Fragezeichen.

Immerhin: Der Blick auf die Ozeane ist ein globales Projekt. 3.000 Mini-Roboter aus aller Herren Länder treiben mittlerweile durch die Weltmeere, tauchen alle zehn Tage auf, machen ihr Handy an – und geben fantastische Daten über Temperatur- und Salzgehaltsveränderungen aus bis zu zwei Kilometern Tiefe durch. Die sechs Stunden später im Internet für jeden kostenlos zur Verfügung stehen. Im Kampf für eine nachhaltige Nutzung der Ozeane ist diese totale Transparenz ein ganz wichtiger Fortschritt.

Der Beitrag basiert auf einem Vortrag auf einer Veranstaltung des Arbeitgeberverbandes Zement und Baustoffe am 2. Februar 2011 in Beckum.

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