Branchen-Konjunktur

Rückgang der Beschäftigung droht


Umfrage in der Kautschukindustrie

Hannover. Es ist gerade mal zwölf Monate her. Damals strotzten die Unternehmen der deutschen Kautschukindustrie vor Kraft. Heute ist die Stimmung alles andere als euphorisch. Die Unsicherheit ist groß. Verlängerte Weih­nachtspausen und zum Teil auch Produktionsstilllegungen der Kunden schlagen voll auf die Kautschukindustrie durch. Das ist das Ergebnis einer Umfrage des Arbeitgeberverbands der Deutschen Kautschukindustrie bei seinen Mitgliedsfirmen.

Geschäftslage

Das Jahr 2008 hatte für die Betriebe recht erfolgversprechend begonnen. Dann kam der Einbruch: Das vierte Quartal konnte das Vorjahres-Ergebnis nicht mehr erreichen. Sechs von zehn Unternehmen rechnen in 2009 mit einem Rückgang des Geschäfts. Nicht mal jedes zehnte Unternehmen (9 Prozent) glaubt, dass es in 2009 eine Schippe drauf legen kann, um den Um­satz zu steigern. Ein knappes Drittel ist froh, wenn es so bleibt wie im Vorjahr. Resultat: Der Umsatz der Branche wird deutlich unter dem des Vorjahres liegen.

Kapazitätsauslastung

Die teuren Anlagen werden nicht wie gewohnt rund um die Uhr ausgelastet sein. Dieses bestätigen die Zahlen: 79 Prozent der Betriebe fahren ihre Anlagen zurück, 18 Prozent ge­hen davon aus, dass sie ihre Maschinen wie zuletzt laufen lassen. Die Firmen, die ihre Kapazitäten noch ausweiten wollen, sind mit 3 Prozent verschwindend wenig.

Beschäftigung

Das Jahr 2007 brachte die Trendwende bei der Beschäftigung in der Branche. Die Zahl der Mitarbeiter erhöhte sich spürbar. Die Betriebe stellten vor allem Facharbeiter und Ingenieure ein. Der Konjunktur-Absturz seit August 2008 wirkt sich auf den Arbeitsmarkt aus. Sechs von zehn Firmen (61 Prozent) glauben, dass sie nicht umhin kommen, die Belegschaft der deutlich geringeren Auftragslage anzupassen. Die genauen Zahlen kennt heute noch keiner. Alles hängt davon ab, wie sich die Nachfragesituation tatsächlich entwickelt.

„Unsere Betriebe brauchen jetzt das Vertrauen der Banken“

Kredite sind Schmierstoff des Wirtschaftsmotors

Verweigern die Banken den Betrieben dringend benötigte Kredite? Wie geht es mit der Konjunktur in der Kautschuk-Branche weiter? Kann der Staat helfen? Fragen an Volker Schmidt, Hauptgeschäftsführer des Ar­beitgeberverbandes der Deutschen Kautschukindustrie ADK.

AKTIV: Ihr Verband hat zum Jahreswechsel seine Mitglieder um ein Stimmungsbild gebeten. Die wichtigsten Erkenntnisse?

Schmidt: Die Ergebnisse der Umfrage geben Anlass zu großer Besorgnis. Immer mehr Unternehmen spüren un­mittelbar die Auswirkungen einer unzureichenden Kreditversorgung. Besonders problematisch: Eine Kreditklemme ist mittlerweile nicht mehr nur auf den Auslandsmärkten festzustellen, sondern trifft in mindestens gleichem Umfang auch schon auf den deutschen Markt zu.

AKTIV: Aus Sicht der Banken ist dies überzogene Panikmache.

Schmidt: Diese Feststellung hat nichts mit Panikmache zu tun, sondern ist das Ergebnis einer nüchternen Bestandsaufnahme. Es sind eben nicht nur Stimmungen und Einschätzungen, die  seit Wochen abstürzen, sondern dahinter stehen Auftragseingänge, Produktion, Kapazitätsauslastung und Beschäftigungsvolumen.

Wir erleben eine krisenartige Zuspitzung in bisher nicht dagewesenem Tempo. Nicht diejenigen, die auf die wachsenden Risiken und die Krisenmeldungen aus den Betrieben hinweisen, reden einen Ab­schwung herbei, sondern jene verschärfen die Krise, die verharmlosen und in Untätigkeit verharren.

AKTIV: Welches sind aus Ihrer Sicht die Folgen?

Schmidt: Es ist nicht mehr auszuschließen, dass bei an­haltender Verweigerung dringend benötigter Kredite in den kommenden Monaten zahlreiche Firmen in große Schwierigkeiten geraten werden.

AKTIV: Was muss geschehen?

Schmidt: Unsere Unternehmen brauchen jetzt von den Banken Vertrauen in ihre in vielen Jahren erworbenen Kompetenzen und in die ausgezeichneten Fähigkeiten der Belegschaften und ihrer Führungskräfte.

Die immensen Gelder, die für Investitionen bereitgestellt werden, nutzen wenig, wenn die Firmen keine Kredite bekommen und nicht einmal mehr ihre laufenden Geschäfte bestreiten können. Kredite sind schließlich der Schmierstoff unseres Wirtschaftsmotors. Sie zu verweigern, zu verzögern und aus Angst zurückzuhalten bedeutet, einen schweren Motorschaden unserer Volkswirtschaft in Kauf zu nehmen.

AKTIV: Dennoch, die Konjunktur ist abgestürzt. Wie stehen die Unternehmen zurzeit da?

Schmidt: Unsere Unternehmen und ihre Mitarbeiter können am allerwenigsten für die Krise. Trotzdem müssen wir sie jetzt gemeinsam bewältigen. Und ganz vorn steht für die Firmen und Mitarbeiter die Sicherung der Beschäftigung. Wir müssen alles daran setzen, diesen Leerlauf zu überstehen. Dafür gibt es eine Reihe von Instrumenten – wie etwa Kurzarbeit, die viele Betriebe einführen werden.

AKTIV: Ihr Vorteil ist ...

Schmidt: Kurzarbeit ist ein gutes Mittel, um einen Auftragseinbruch aufzufangen. Allerdings hat die Konstruktion einen Fehler. Der Arbeitgeber muss auf das Kurzarbeitergeld die Beiträge zur Kranken-, Pflege- und Rentenversicherung entrichten. Das macht es nicht einfacher, in schwierigen Zeiten Beschäftigung zu halten.

AKTIV: Wo liegt die Aufgabe des Staates?

Schmidt: Die Tarifvertragsparteien waren sich ihrer Verantwortung für die Be­schäftigung bewusst. Sie ha­ben moderate Lohnabschlüsse erzielt und außerdem eine Vielzahl von Instrumenten ge­schaffen, um Krisen zu meistern. In den vergangenen Jahren hat jedoch der Staat durch die sogenannte „kalte Progression“ seine Einnahmen kontinuierlich zulasten der Bezieher kleiner und mittlerer Einkommen erhöht. Es kann nicht sein, dass der Staat diese moderaten Abschlüsse auch noch dadurch halbiert, in dem er die Beschäftigten in diese kalte Progression hineinrutschen lässt. Sie zahlen dann ja überproportional höhere Steuern.

Kreditklemme bremst Investitionen

Tarifvertrag erweist sich in der Krise als hilfreich

Hannover. Ein weiteres Er­gebnis der Umfrage: Es fehlt den Unternehmen an Geld. Viele spüren eine bisher unbekannte Kreditklemme. Fast die Hälfte (45 Prozent) der Betriebe bestätigen dies.

Die für 2009 geplanten In­vestitionen können nicht einmal von der Hälfte der Unternehmen umgesetzt werden.

Probleme mit dem Ersatz

Investitionspläne werden zusammengestrichen. Das ist eine Folge des restriktiven Bankenverhaltens.

Bei Erweiterungsinvestitionen berichten je nach Branche bis zu 25 Prozent der Unternehmen, dass neue Kapazitäten infolge äußerst zurückhaltender Kreditvergabe nicht errichtet werden können. Was jedoch be­sonders problematisch ist: Auch Ersatzinvestitionen, die zur Durchführung des laufenden Be­triebs notwendig sind, können we­gen einer zunehmend einschränkenden Kreditvergabe nicht durchgeführt werden.

Auf dem Weg aus der Krise zeigt sich, dass ein flexibler Tarifvertrag von großer Bedeutung ist. Belegschaft und Ge­schäftsführung werden an einem Strang ziehen und mit ge­meinsamen Maßnahmen ge­gensteuern.

So planen 43 Prozent der Firmen, dass sie von der Möglichkeit Gebrauch machen, die zweite Stufe der Entgelterhöhung zu verschieben. 12 Prozent wollen den Tarifvertrag „Beschäftigungssicherung“ anwenden, also Ar­beitszeit und Entgelt absenken.

Insgesamt werden die Un­ternehmen alle Register ziehen, um die Krise möglichst glimpflich zu überstehen. So plant die Hälfte (51 Prozent) Kurzarbeit. Ein Vorteil ist derzeit auch die Flexibilität der Zeitarbeit. Der starke Auftragsrückgang führt dazu, dass die Betriebe die Zeitarbeitsunternehmen deutlich weniger in Anspruch nehmen werden (51 Prozent).

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