Wirtschaft als Hobby

Rosemaries Rendite-Rezepte


Warum eine Berline Rentnerin den lieben langen Tag an Aktien denkt

Sie könnte ihre Zeit so verbringen wie viele in ihrem Alter. Morgens eine Runde mit dem Hund, später dann eine Partie Ca­­nas­ta mit den Freundinnen, ansonsten vielleicht Backrezepte und die Enkelchen, falls vorhanden. Doch die Berliner Rentnerin Rosemarie Hü­sing hat noch ein anderes, eher spezielles Hobby. „Meine Leidenschaft ist die Wirtschaft.“

Statt Backrezepte studiert sie lieber Börsenkurse.

Mit 71 Jahren!

Oh Gott, oh Gott, Aktien, möchte man da entsetzt ausrufen, aber Frau Hüsing, wissen Sie denn nicht? Die Krise, der Crash, die Weltwirtschaft, wie können Sie da denn nur Ihre Rente in Zockerpapiere ...

Rosemarie Hüsing – beileibe keine Millionärin, sondern ei­ne ganz normale Rentnerin – ficht so was nicht an. Sie sucht emsig nach Wachstumsmärkten, spürt nach Börsentrends, hofft auf ein bisschen Rendite. Sie sagt: „Wirtschaft macht mir einfach Spaß!

Kein Club für reiche Witwen

Schwer zu glauben. Wirtschaft und Spaß – seit Monaten schon passen diese Begriffe doch nicht mehr so recht zusammen. Schließlich war das vergangene Jahr ein übles für die Börse: Das deutsche Aktienbarometer Dax verlor 2008 gut 40 Prozent seines Wertes. Weltweit vernichteten die Kursstürze unvorstellbare 18 Billionen Dollar an Vermögen. Auch die Aussichten für 2009 sind, gelinde gesagt, nicht gerade rosig – die eingetrübte weltwirtschaftliche Lage lässt grüßen.

Kein Wunder, dass dies dem ohnehin traditionell aktien­skeptischen deutschen Kleinsparer die Lust aufs glatte Börsenparkett immer mehr vergrätzt. Nach Angaben des Deutschen Aktieninstituts in Frankfurt waren schon im ersten Halbjahr 2008 nur noch gut 5 Prozent der deutschen Bevölkerung ab 14 Jahren im Besitz von Aktien. Das ist der niedrigste Wert seit 1988 – und im internationalen Vergleich bescheiden. In Kürze will das Institut die neuesten Zahlen präsentieren – sie dürften noch dunkler ausfallen.

Aktienflucht – für Rosemarie Hüsing undenkbar. An diesem Winterabend sitzt sie in einem Restaurant unweit des Potsdamer Platzes und löffelt Reis mit Huhn aus einem Porzellanschälchen. Mit ihr am schweren Holztisch: ein Dutzend Da­men, die jüngste ist Anfang 30, Hüsing ist die älteste. Es sind die Mitgliederinnen des „He­xensabbat“, eines Investmentclubs für Frauen. Klunkerbehängte Millionärinnen oder reiche Witwen findet man hier nicht, dafür Hotelangestellte, Hausfrauen, Rentnerinnen.

Einmal pro Monat trifft sich die bunte Runde, um zu fachsimpeln. Über Aktien, Wachstumsbranchen, Strategien. Jedes Mitglied zahlt 30 Euro Monatsbeitrag, davon werden Aktien gekauft, welche das sind, darüber wird per Handzeichen abgestimmt.

Seit ein paar Jahren ist auch Hüsing eine Hexe. „Mich hat das immer fasziniert“, sagt sie, „die Börse, Aktien, aber ich hab mich da nie rangetraut. Das schien wie eine Wissenschaft, so kompliziert.“

Manchmal hilft das Bauchgefühl

„Viele unserer 34 Mitgliederinnen hatten anfangs kaum Ahnung von Aktien“, sagt Henrike von Platen, die Vorsitzende und Gründerin des Clubs. „Das Interesse ist da. Manche wollen die Anlage des Spargroschens nicht mehr nur ihren Männern überlassen, aber allein trauen sie sich nicht.“

Im Laufe der Zeit bekämen die Neulinge dann ein Gefühl für die Börse. „Wir diskutieren über verschiedene Branchen, fragen uns, welche Werte von aktuellen Entwicklungen profitieren könnten.“

Das geht ungefähr so: Energie ist knapp – sollten wir uns also nicht einen Gasversorger ins Depot legen? Oder: Die Menschen werden immer älter – müsste Pharma daher nicht ein neuer Wachstumsmarkt sein?

„Manchmal verlassen wir uns auch auf unser Bauchgefühl“, sagt von Platen, das habe schon oft ganz gut geklappt, „Hey, wir sind schließlich Frauen.“

Borsten aus dem Besen gezupft

Bisweilen geht’s aber auch schief. Denn die jüngsten Kursabstürze haben auch den Berliner Hexen ein paar Borsten aus ihren Besen gezupft. Die Anteile von Kali+Salz, SGL Carbon oder Apple flogen mit Verlust aus dem Club-Depot, seit Anfang 2008 schrumpfte das gemeinsame Vermögen der Hexen um rund 14 Prozent. Ärgerlich zwar, aber doch immerhin viel besser als so mancher von Profis gemanagte Aktienfonds.

Gut 60.000 Euro sind jetzt noch übrig, ein Großteil davon in bar, „wir warten auf Kaufkurse“, sagt Chefin von Platen. Aktuell im Depot der Damen: ThyssenKrupp, Wacker Chemie, Gazprom, Bayer.

Werte, von denen auch Club-Seniorin Rosemarie Hüsing überzeugt ist. Und überhaupt: „Wenn man viel liest, sich mit der Wirtschaft vertraut macht, dann findet man auch immer wieder Branchen, die sich gut entwickeln“, glaubt sie.

Aber die Krise, Frau Hüsing, die Krise – können Sie denn da noch schlafen? „Wissen Sie“, sagt Hüsing, „mal geht’s runter und dann wieder hoch. Und runter ist es jetzt ja schon gegangen.“

Was ist ein Investmentclub?

Die Idee ist nicht neu: Vor mehr als 100 Jahren gründete der amerikanische Farmer Jack Brooks den ersten Investmentclub der Welt: Weil er selbst nicht über genügend Geld verfügte, um an der Börse zu investieren, schloss er sich mit Gleichgesinnten zusammen.

Seit Anfang der 1960er-Jahre finden Investmentclubs auch bei uns in Deutschland Verbreitung. Laut der Deutschen Schutzvereinigung für Wertpapierbesitz (DSW) bestehen derzeit hierzulande rund 7.000 Clubs. Die Grundidee: Über die Clubs sollen auch bisher unbedarfte Privatpersonen an die Aktienanlage herangeführt werden.

„Die Hemmschwelle, sich mit wirtschaftlichen Dingen zu befassen, wird beseitigt“, so die DSW. „Man lernt die Marktgewohnheiten der Börse kennen, befasst sich mit Strategien und begreift die ökonomischen Zusammenhänge.“ Zudem hilft der Club, mit wenig Geld ein eigenes Depot aufzubauen.

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