Bildung

Rodenstock: „Nicht an den Kindern sparen“


Randolf Rodenstock: „Jeder braucht eine Chance.“

BDA-Vizepräsident fordert "Bildungsrevolution, die schon im Kindergarten ansetzt"

Bis in den kleinsten Betrieb ist heute der internationale Wettbewerb zu spüren. Immer wieder ist auch von Verlagerungen ins Ausland zu lesen. Wie wir künftig unsere Brötchen verdienen und was wir in Sachen Bildung tun müssen: Darüber sprach AKTIV mit Randolf Rodenstock, Vizepräsident der Bundesvereinigung der Deutschen Arbeitgeberverbände.

AKTIV: Die Arbeitswelt verändert sich immer schneller. Woran liegt das?

Rodenstock: In der globalisierten Welt tauchen viele neue Wettbewerber auf, die es so vor zehn Jahren noch nicht gab. Auch im Ausland sind intelligente und fähige Arbeitskräfte tätig. Wenn wir also angesichts zunehmender Konkurrenz unsere Chancen gut nutzen wollen, müssen wir mehr für die Bildung tun.

AKTIV: Hilft das, qualifizierte Arbeit in Deutschland zu halten?

Rodenstock: Es ist die einzige Chance, die wir haben. Wir werden unsere Brötchen künftig hauptsächlich nicht mit unserer Hände Arbeit verdienen, sondern mit Köpfchen. Denn wir verkaufen immer weniger Standardprodukte, dafür mehr innovative, genau auf Kundenwunsch zugeschnittene  Leistungen. Also brauchen wir gut qualifizierte Fachkräfte in den Betrieben. Nur so kann unser Land die Herausforderungen der Zukunft bewältigen.

AKTIV: Das heißt, Bildung ist kein Selbstzweck ….

Rodenstock: … richtig, und sie ist auch nicht dazu da, nur stromlinienförmig Nachwuchs für Firmen zu erzeugen. Bildung ist vielmehr ein wichtiger Baustein zur Lebensbewältigung. Dazu gehört auch ein auskömmliches und interessantes Berufsleben.

AKTIV: Welche Art von Bildung braucht  der Mensch künftig, damit er eine gute Chance auf einen Arbeitsplatz hat?

Rodenstock: Der ideale Mitarbeiter hat ein fundiertes Grundwissen, was Rechnen, Schreiben und Lesen angeht. Dazu kommt natürlich ein solides Fachwissen. Ganz wichtig sind ebenso menschliche Fähigkeiten wie Teamfähigkeit oder Frustrationstoleranz.

AKTIV: Was ist wichtiger als früher?

Rodenstock: Der Aspekt lebenslangen Lernens. Der heutige Mensch muss in der Lage sein, selbstständig zu lernen und aus einer Flut von Informationen das Wichtigste herauszufiltern. Zusätzlich braucht er Fähigkeiten, sich in einer extrem komplexen, vernetzten Welt zurechtzufinden. Dazu ist auch die Beschäftigung mit Ethik wichtig – also ein Gefühl dafür, woher wir kommen und wohin wir gehen. Mit anderen Worten: Hoch qualifiziert soll ein Mitarbeiter sein, aber kein Fachidiot.

AKTIV: Immer mehr Unternehmen nehmen das Thema Bildung selbst in die Hand …

Rodenstock: … ja, es lässt sich beobachten, dass sich die Grenzen zwischen staatlicher und privater Bildung weiter auflösen. Generell ist die Ausbildungsleistung der deutschen Unternehmen beachtlich. Sie geben jedes Jahr 28 Milliarden Euro für Lehrlingsausbildung aus. Und noch mal 21 Milliarden für betriebliche Weiterbildung. Das ist schon ordentlich. Und ich denke, das Thema betriebliche Weiterbildung wird in der Zukunft noch mehr Gewicht bekommen.

AKTIV: Stichwort Fachkräftemangel: Was kann hier mehr Bildung bewirken?

Rodenstock: Um den Qualifizierungsmangel zu beheben, müssen wir an allen Strippen ziehen. Wer zum Beispiel Kindern aus bildungsfernen Familien eine Chance gibt, etwas zu lernen, kann viel bewirken. Mit gezielter Weiterbildung lassen sich auch ältere Mitarbeiter länger fit halten. Wir müssen es auch schaffen, Frauen besser ins Berufsleben zu integrieren. Und schließlich sind wir auf den Zuzug qualifizierter Fachkräfte aus dem Ausland angewiesen.

AKTIV: Was muss sich im Bildungsbereich verändern, damit junge Leute eine Chance auf einen Arbeitsplatz haben?

Rodenstock: Ein ganz großes Problem bei uns ist zum Beispiel die hohe Abbrecherquote in bestimmten Studiengängen, zum Beispiel bei den Ingenieuren. Bis zu 30 Prozent der Studierenden hören hier wieder auf. Das ist eine Vergeudung von menschlicher Kraft und Zeit. In Bayern haben daher die Arbeitgeberverbände zusammen mit den Hochschulen jetzt einen Wettbewerb gestartet mit dem Ziel, die Zahl der Studienabbrecher zu halbieren.

AKTIV: Und andere Bereiche?

Rodenstock: In Bayern schaffen beispielsweise weniger Schüler als anderswo das Abitur – trotz vergleichsweise guter Leistungen. Das gibt zu denken. Oder: Laut Statistik verlassen in Bayern jährlich rund 12.000 Jugendliche die Schule ohne Abschluss, und rund 20 Prozent der Schulabgänger werden als nicht berufsbildungsfähig eingestuft. Da läuft es mir eiskalt den Rücken hinunter! Der Weg in die Dauerarbeitslosigkeit ist vorgezeichnet. Das können wir natürlich so nicht lassen.

AKTIV: Was sind Ihre Vorschläge, um die Lage zu verbessern?

Rodenstock: Ich meine, wir brauchen eine echte Bildungsrevolution, die an vielen Punkten ansetzt. Insgesamt müssen wir deutlich mehr Energie in Ausbildung von Kindern und jungen Menschen stecken  –  je früher desto besser. Und wir müssen mehr Bildung für alle, also Chancengleichheit, ermöglichen. Ich halte es für verkehrt, dass wir in Deutschland sechs Mal so viel für Sozialleistungen ausgeben wie für Bildung. Es ist unsozial,  an den Kindern zu sparen und hinterher mit einem Riesenaufwand sozialpolitische Versäumnisse korrigieren zu wollen.

AKTIV: Wo setzt diese Revolution an?

Rodenstock: Schon ganz früh. Kindergärten sollten Orte des Lernens sein und entsprechend ausgestaltet werden. Ab dem vollendeten vierten Lebensjahr sollte es eine Kindergartenpflicht geben. Kindergärten sollten zudem kostenlos sein. Damit alle die gleichen Chancen auf Bildung haben.

AKTIV: Und in den Schulen?

Rodenstock: Wir brauchen mehr und besser qualifizierte Pädagogen. Diese  müssen stärker als bisher erzieherische Aufgabe wahrnehmen. Lehrpläne sollten entrümpelt und die Stofffülle reduziert werden, damit mehr Zeit für das Anwenden, Vertiefen, Vernetzen und Problemlösen bleibt.

Zudem brauchen wir mehr Durchlässigkeit zwischen verschiedenen Bildungswegen. So können Fehlentscheidungen korrigiert und Spätentwicklungen berücksichtigt werden. Zum Beispiel darf der Übergang zur Realschule oder ins Gymnasium nicht zum Schreckgespenst ausarten.

AKTIV: Sie treten auch stark für die „Ganztagsschule“ ein …

Rodenstock: Ja, weil Schüler so besser individuell gefördert werden können. Zudem ermöglicht sie Eltern, Familie und Beruf unter einen Hut zu bringen. Das ist ein wichtiger Aspekt!

AKTIV: Was geschieht mit denen, die den Anforderungen des Berufslebens nur sehr schwer gewachsen sind?

Rodenstock: Diese Menschen dürfen wir nicht einfach aufgeben und Hartz IV überlassen. Wir brauchen stattdessen einen funktionierenden Niedriglohnsektor, damit auch diese Menschen eine Chance auf Arbeit haben. Dagegen bewirken Maßnahmen wie Mindestlöhne oder Ideen zur Eindämmung der Zeitarbeit, dass weniger Jobs angeboten werden.

AKTIV: Welche Möglichkeit gibt es hier in der Metall- und Elektro-Industrie?

Rodenstock: Die Metall-Arbeitgeber bieten für Ungelernte zum Beispiel Sonderkurse mit Teil-Qualifzierungen an. Dabei werden Fähigkeiten und Kenntnisse vermittelt, wie sie Betriebe für einfachere Tätigkeiten brauchen.

AKTIV: Bleibt die Frage: Was darf Bildung künftig kosten?

Rodenstock: Nach unseren Berechnungen ist es erforderlich, bundesweit etwa 25 Prozent mehr als bisher für Bildung auszugeben, also 25 bis 27 Milliarden Euro mehr jedes Jahr im ganzen Bildungssystem. Wenn wir das täten, wären wir im Verbund der vergleichbaren Industrieländer nicht mehr Nummer 18 bei Ausgaben pro Kopf, sondern Nummer 3. Das würde sich für ein Land wie Deutschland eigentlich gehören. Denn wenn wir schon die Teuersten sind, müssen wir auch die Besten sein.

AKTIV: Woher soll das Geld kommen?

Rodenstock: Es ist durchaus möglich, ohne Steuererhöhung hier das Richtige und Nötige zu tun – zum Beispiel bestehende Budgets auf Ebene des Bundes, der Länder und der Gemeinden umzuschichten. Ich erinnere nur an den Wahnsinn, dass jährlich rund 150 Milliarden Euro Subventionen an die Wirtschaft fließen.

AKTIV: Was bedeutet das für die Bürger?

Rodenstock: So hoch die Zahlen auch klingen: 27 Milliarden Euro mehr Ausgaben für Bildung wären umgerechnet auf die Bevölkerung pro Kopf 40 Euro im Monat. Das ist wahrscheinlich weniger, als viele für Telefon und Internet zahlen.

AKTIV: Wenn Sie an die nächste Generation denken: Worauf sollten Eltern mit Blick auf gute Bildung achten?

Rodenstock: Kleine Kinder lernen mit Freude. Diese Freude sollten wir ihnen nicht verderben, sondern ihnen Wissen anbieten, sie loben und Fragen beantworten. Dazu muss man sich mit den Kleinen beschäftigen. Ein Mensch gedeiht umso besser, je mehr Hinwendung er bekommt.

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