Neue Arzneimittel mobilisieren das Immunsystem gegen Tumore

Riesen-Fortschritt im Kampf gegen Krebs

Berlin. Schwarzer Hautkrebs ist bösartig: Hat das „maligne Melanom“, wie er auch genannt wird, erst einmal Metastasen im Körper gestreut, sind die Ärzte fast machtlos – bisher. Jetzt gibt es für die schwer Erkrankten Hoffnung auf ein längeres Leben.

Ein neuer Typ von Medikamenten schafft es erstmals, die Immunabwehr der Patienten gegen den Krebs zu aktivieren. Die Wirkstoffe werden per Infusion verabreicht. Sie blockieren Eiweißstoffe auf den körpereigenen Abwehrzellen. So verhindern sie, dass der Tumor dem Immunsystem signalisiert: „Ich bin okay, du brauchst nicht anzugreifen.“

Jetzt ist die Bremse der Abwehrzellen gelöst, sie starten ihre Attacken. Und Tumore sowie Metastasen schrumpfen oder verschwinden ganz, berichtet Professor Ulrich Keilholz, Direktor des Krebs-Zentrums der Berliner Uni-Klinik Charité. „Das Beste daran: Wenn ein Tumor anspricht, ist das oft dauerhaft. Der Krebs stoppt monatelang, mitunter jahrelang.“

18.000 Forscher allein in Deutschland

Diesen Riesen-Fortschritt verdanken die Melanom-Patienten forschenden Pharma-Unternehmen. Die US-Konzerne Bristol-Myers Squibb und MSD Sharp & Dohme haben die Neuheiten entwickelt und waren damit zuerst am Markt. Auch Unternehmen wie Roche, Bayer oder Merck arbeiten an Präparaten dieses Arzneityps. Bei 20 bis 40 Prozent der Patienten schlagen die Medikamente an. „Inzwischen wird diese Immuntherapie gegen viele Tumore getestet, auch bei Lungen-, Blasen- und Brustkrebs“, weiß Experte Keilholz. „Und dabei gibt es ein Erfolgserlebnis nach dem anderen.“

Gegen den Krebs gehen die Pharma-Forscher richtig in die Offensive. Fast 800 Arzneimittel und Impfstoffe sind derzeit weltweit gegen die gefürchtete Krankheit in Entwicklung. Mittlerweile ist jede dritte Innovation aus den Labors ein Krebs-Medikament.

Dahinter steckt enorme Forschungs-Power. Allein die 44 Unternehmen im Berliner Verband Forschender Arzneimittelhersteller (VFA) beschäftigen fast 18.000 Wissenschaftler und Laboranten. Und investieren jährlich 5,6 Milliarden Euro in Neuentwicklungen, das sind mehr als 15 Millionen Euro am Tag.

Davon profitiert auch die Tumorbehandlung. Für die halbe Million Menschen, die hierzulande pro Jahr daran erkrankt, bedeutet das bessere Chancen. „Mehr als die Hälfte der Krebs-Patienten können wir heute heilen“, sagt Charité-Professor Keilholz. „Mitte der 80er-Jahre ging das nur bei jedem dritten Kranken.“

Selbstverständlich spielen moderne Operationstechniken und verbesserte Vorsorge ebenso eine Rolle. „Je früher Krebs entdeckt wird, desto besser sind die Heilungschancen“, mahnt Keilholz. Die Röntgen-Untersuchung der Brust, der Labortest auf Prostata-Marker und die Darmspiegelung brachten deutliche Erfolge bei diesen Krebsarten. Ebenso wichtig ist der regelmäßige Check auf Hautkrebs.

Auch wegen der Früherkennung liegt Deutschland bei den Überlebensraten „im internationalen Vergleich weit vorne“, heißt es beim Deutschen Krebsforschungszentrum in Heidelberg. Als Maßzahl für solche Vergleiche nehmen Epidemiologen die Fünf-Jahres-Überlebensrate. Das ist der Prozentsatz an Kranken einer bestimmten Krebsart, der fünf Jahre nach der Erstdiagnose noch lebt. Bei den meisten Tumoren steigt sie Schritt für Schritt.

Beispiel Brustkrebs: Aktuell leben fünf Jahre nach der Entdeckung noch 86 Prozent der Patientinnen. „Anders als früher ist die Diagnose für Frauen heute nicht mehr unbedingt ein Todesurteil“, sagt Professor Peter Krammer, Leiter der Abteilung Immungenetik am Heidelberger Forschungszentrum.

Das ist auch ein Erfolg besserer Arzneien. Heute attackiert die Medizin Krebs mit Antikörpern, wie sie auch die menschliche Immunabwehr bildet. Diese Arzneien greifen in innere Signalwege der Krebszellen ein und blockieren das unkontrollierte Wachstum.

Oder sie bringen Zellgifte gezielt in Tumorzellen, die dadurch von innen zerstört werden. Solche Präparate hat zum Beispiel das Unternehmen Roche für fortgeschrittenen Brustkrebs entwickelt. Auch mit chemischen Molekülen kann man in die Signalwege eingreifen. Eine Arznei des Herstellers Boehringer Ingelheim hilft so bei metastasiertem Lungenkrebs.

Im Fokus der Forscher stehen derzeit jedoch Wirkstoffe zur Aktivierung der Immunabwehr. Die Wissenschaftler haben noch einiges im Köcher: von künstlichen Antikörpern, die Abwehrzellen und Krebszellen direkt aneinanderheften, bis hin zu Impfstoffen für die Behandlung von Nierenzell-, Darm- oder Magenkrebs. Pharma-Experten der US-Großbank Citigroup schätzen: „Immuntherapien dürften in zehn Jahren bei sechs von zehn Krebserkrankungen das Rückgrat der Behandlung sein.“

Aber die neuen Arzneien sind teuer: 1 bis 1,6 Milliarden Dollar kostet die Entwicklung eines Präparats. Entsprechend fallen für die Therapie eines Patienten mittlere fünfstellige Summen an. Dazu sagt Birgit Fischer, Hauptgeschäftsführerin des Herstellerverbands VFA: „Es werden Anreize zu weiteren Innovationen geschaffen, wenn dieser Wert honoriert wird.“

Der Fortschritt hat seinen Preis. Aber mit jeder neuen Arznei wächst für Professor Krammer auch die Hoffnung, „dass wir Krebs auf die Dauer zu einer Art chronischen Erkrankung machen“. Bei steigender Lebenserwartung.


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