Autobahnen

Revolutionärer Straßenbelag aus Kunststoff halbiert Verkehrslärm

Aachen. Dröhnen, brummen, krachen, rauschen, summen, pfeifen, scheppern: Lärm auf Autobahnen ist ein wilder Mix aus vielerlei Geräuschen. Mit 70, 80 Dezibel oder mehr: Nicht nur Hörschäden lassen sich auf Verkehrslärm zurückführen, auch Bluthochdruck und Herz-Kreislauf-Erkrankungen. „16 Prozent der Bevölkerung sind gesundheitsgefährdenden Lärmbelastungen durch Straßenverkehr ausgesetzt“, weiß Professor Markus Oeser.

Er leitet das Institut für Straßenwesen an der Rheinisch-Westfälischen Technischen Hochschule Aachen – und rückt dem Lärmproblem zu Leibe. In Kooperation mit der Swarco Limburger Lackfabrik aus Diez (Rheinland-Pfalz) und gefördert vom Bund betreibt er schon seit einigen Jahren das Projekt „Lidak“. Das Kürzel bedeutet: „leise, innovative Deckschicht auf Kunststoffbasis“.

Das Ergebnis, so erste Tests, reduziert den Lärm um zehn Dezibel. Man empfindet ihn dann nur noch etwa halb so laut.

Verkehrslärm besteht im Wesentlichen aus drei Komponenten, erklärt Oeser: „Motorengeräusche, aerodynamische Geräusche aufgrund der Fahrzeug-Kontur – und Reifen-Fahrbahn-Geräusche.“ Letztere haben die Aachener Forscher ins Visier genommen.

„Rollende Reifen quetschen vorn Luft weg“, erklärt der Professor, „und hinten saugen sie Luft an.“ Dabei entstehen Schallwellen, also Lärm. Zudem bringt der Kontakt zwischen Reifen und Fahrbahn die Reifenwände in Schwingungen – auch das macht Krach. Ebenso das Aufklatschen von Reifen bei Fahrbahn-Unebenheiten. Die Idee der Forscher: eine Straßen-Lauffläche, die all das verhindert.

Und die ist mit einem zweischichtigen Kunststoffbelag gefunden. Über einem dunklen Unterboden, der der Fahrbahn Stabilität, Elastizität und damit auch Langlebigkeit verleiht, liegt eine weiße Schicht mit einer speziellen Struktur aus winzigen, besonders ausgerichteten Kanälen. „Sie lässt die von den Reifen bewegte Luft lautlos abfließen“, so Oeser. „Und da sie eben ist, fällt auch das Vibrieren der Reifen weg.“

Fabrikgefertigte Bahnen würden künftig wie Rollrasen verlegt

Im nächsten Schritt will man nun für die akustisch optimierte Struktur das optimale Materialkonzept finden. „Eine spannende Aufgabe für Ingenieure, Materialwissenschaftler, Chemiker und weitere Forscher.“ Zumindest die obere Schicht soll als fabrikgefertigte Bahn wie Rollrasen verlegt werden. „In der Fabrik erreichen wir eine viel höhere Qualität bei der Produktion der lärmschluckenden Struktur und der Homogenität des Materials“, konstatiert Oeser.

Nach seinen Worten könnte diese Innovation nicht nur der Gesundheit nützen, sondern auch den Straßenbau verbilligen. Und der Kunststoff-Industrie ein ganz neues Geschäftsfeld eröffnen.


Schon gewusst?

Über der Autobahn: Auf Dauer kein gesunder Ort. Foto: Fotolia
Über der Autobahn: Auf Dauer kein gesunder Ort. Foto: Fotolia

Wie Lärm gemessen wird

Lärm wird in der Einheit Dezibel (dB) gemessen. Das Ticken einer Armbanduhr etwa verursacht 20 dB, ein normales Gespräch 55 und ein startendes Flugzeug 130 dB. Dabei muss man wissen: Eine Steigerung um 10 dB bedeutet in der Praxis ungefähr eine Verdopplung des Lärm-Empfindens. Für Menschen auf Dauer problematisch wird es ab etwa 65 dB.

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