Der Gas-Gigant

Rekord: Am Rhein entsteht das Weltmeister-Kraftwerk

Düsseldorf. Die Hände hinterm Rücken verschränkt, leicht beseeltes Lächeln – Werner Nagiller wirkt, als wandele er gerade entspannt über eine sonnige Alm. Statt Berggipfeln aber dominieren mächtige Kräne die Kulisse, kein Kuhglockengeläut, dafür das harte Scheppern von Stahl. Hier, im Düsseldorfer Stadtteil Hamm, entsteht gerade Gewaltiges: das modernste Gaskraftwerk der Welt.

Herzstück ist eine gigantische Siemens-Gasturbine. Allein sie hat die Power von 1.200 Porsches. Ab 2016 soll das Kraftwerk mit einer elektrischen Leistung von 600 Megawatt die Stadt mit Strom und Fernwärme versorgen. „Die Anlage ist supereffizient, dazu extrem flexibel, in nur 30 Minuten hochgefahren“, schwärmt Nagiller, der Siemens-Bauleiter, auf der Baustelle. Weil der Gigant neben Strom eben auch Fernwärme liefert, steigt der Nutzungsgrad auf 85 Prozent. Nagiller: „Absoluter Weltrekord.“

Billige Braunkohle setzt saubere Gaskraftwerke unter Druck

Der Name des technischen Wunderwerks: „Block Fortuna“. Wie bezeichnend. Ein bisschen Fortune nämlich werden die Düsseldorfer Stadtwerke, zukünftiger Betreiber des Super-Kraftwerks, ganz gut gebrauchen können, wenn sie hier wirtschaftlich Strom produzieren wollen. Grund: Gaskraftwerke sind schwer unter Druck. Ihr Rohstoff, Erdgas eben, ist teuer. Die billigere Braunkohle dagegen boomt!

Der Reihe nach. Lange wurden die hochflexiblen Gaskraftwerke als unverzichtbar für die Energiewende erachtet. Weil sie das schwankende Stromangebot von Sonne und Wind so gut ausgleichen können. Und weil sie nur halb so viel schädliches Kohlendioxid ausstoßen wie Kohlekraftwerke.

Aber: Der Anteil der Gaskraftwerke am deutschen Strommix fiel laut Zahlen der Essener Arbeitsgemeinschaft Energiebilanzen im vergangenen Jahr auf 10,6 Prozent oder 66 Milliarden Kilowattstunden. Das ist der geringste Wert seit 2004. Dagegen wurden 162 Milliarden Kilowattstunden Strom aus Braunkohle erzeugt. Mehr als aus jedem anderen Energieträger und so viel wie seit 1990 nicht mehr.

Schmutzige Folge dieses Trends: Deutschland pustet bei der Stromproduktion wieder mehr Treibhausgase in die Luft und gefährdet so seine Klimaschutzziele: Im vergangenen Jahr betrugen die deutschen Stromerzeugungsemissionen laut Umweltbundesamt 317 Millionen Tonnen Kohlendioxid, deutlich mehr als in den Jahren zuvor.

Und das, obwohl fast jede vierte Kilowattstunde bereits mit Wind, Sonne oder Biomasse produziert wurde. Mehr Grünstrom, mehr Luftverschmutzung – „das ist das Paradoxon der Energiewende“, bringt es der Stromexperte Patrick Graichen von der Berliner Denkfabrik „Agora Energiewende“ auf den Punkt. Einen möglichen Ausweg aus dem Dilemma sehen Experten wie Graichen vor allem in der Verteuerung der Verschmutzungsrechte: „Der europäische Markt für Emissionszertifikate muss dringend repariert werden.“

Wie dringend, das verdeutlicht ein Blick aufs Börsenparkett. Mitte Juli kostete das Recht, eine Tonne Kohlendioxid in den Himmel zu pusten, gerade einmal 4,40 Euro. Anfang 2008 lag der Preis dafür noch bei fast 30 Euro. Schwere Zeiten für Gaskraftwerke also.

Düsseldorfer Trümpfe: Citynah, dazu den Rhein vor der Tür

Und Düsseldorf mit seinem „Block Fortuna“? Warum bauen die Rheinländer weiter? Auf der Baustelle gibt sich Ralph Riedlinger von den Düsseldorfer Stadtwerken optimistisch. „Der Standort hier ist optimal für ein solches Kraftwerk“, schreit der Chef der Anlagenplanung gegen den infernalischen Lärm einer Baumaschine an.

In der Tat: Das neue Kraftwerk liegt in der Nähe der Innenstadt, optimal für den kostengünstigen Transport des Stroms. Zudem hat Fernwärme in der nordrhein-westfälischen Landeshauptstadt Tradition: Das Leitungsnetz misst fast 200 Kilometer, 30.000 Haushalte auf beiden Seiten des Rheins sollen bald beliefert werden. Und überhaupt, der Rhein: „Der Fluss liefert das Kühlwasser frei Haus, einen teuren Kühlturm brauchen wir hier also nicht“, sagt Riedlinger.

Aber wird das reichen? In einer Zeit, in der die großen Energiekonzerne wie auch immer mehr Stadtwerke ihre Gaskraftwerke am liebsten stilllegen würden, mangels Rentabilität? Für einen Moment weicht da die Gelassenheit dann doch aus dem Gesicht von Siemens-Bauleiter Werner Nagiller. „Wir brauchen in Deutschland effiziente Kraftwerke, um unsere Ressourcen bestmöglich einzusetzen“, sagt er. „Und da führt an Gaskraftwerken wie diesem kein Weg vorbei.“


Hintergrund

Illustration: kadawittfeldarchitektur
Illustration: kadawittfeldarchitektur

Das ist der Düsseldorfer „Block Fortuna“

  • So wird’s mal werden: Das Kraftwerk bekommt eine verglaste Fassade, wird nachts von innen beleuchtet.
  • Die Siemens-Turbine wiegt so viel wie ein vollgetankter Airbus A380.
  • Sie liefert unter Volllast genügend Strom, um eine Stadt mit mehr als zwei Millionen Einwohnern versorgen zu können.

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