Kautschuk-Gewinnung

Reifen aus Löwenzahn


Münster/Hannover. Weite, gelb blühende Felder neben der Autobahn, und es ist kein Raps! Löwenzahn in Reih und Glied – so stellt sich Dirk Prüfer die Zukunft vor.

Der Professor für Molekularbiologie an der Uni Münster denkt an die Gummi-Industrie. Denn: Aus dem Milchsaft (Latex) von Taraxacum koksaghyz, dem russischen Löwenzahn, lässt sich Naturkautschuk gewinnen!

Alternative zu Gummibäumen

Dieses Jahr wurden schon versuchsweise vier Hektar angebaut, berichtet der Professor. „Wildformen vor allem, um Zuchtlinien zu etablieren, Saatgut zu gewinnen und die besten Bedingungen für den Anbau zu ermitteln.“ Es ist eine Forschungsarbeit, die auf verschiedenen Vorgängerprojekten beruht.

Jahre, wenn nicht ein Jahrzehnt wird es dauern, bis der Löwenzahn stabil ertragreich für die industrielle Nutzung sein wird. Die Branche verspricht sich davon stabilere Preise für Naturkautschuk – den man bisher überwiegend aus Gummibäumen in Südostasien gewinnt und der wichtiger wird, je mehr man erdölhaltige Produkte durch nachhaltige Alternativen ergänzt oder ersetzt.

Rund ein Drittel macht der begehrte Rohstoff in der Trockenmasse der Pflanze aus. Schon seit einigen Jahren arbeiten die Münsteraner Wissenschaftler daran, Löwenzahn für die Kautschuk-Industrie nutzbar zu machen, gemeinsam in einem Netzwerk mit zehn Partnern aus Forschung und Industrie. Im Boot ist auch der Reifen-Konzern Continental. Dessen Reifen „ContiPremiumContact 2“ etwa besteht zu gut 40 Prozent aus Kautschuk.

„Aus Sicht der Materialentwicklung ist das Projekt von hohem Interesse“, betont Boris Mergell, Leiter Material- und Prozessentwicklung & Industrialisierung Reifen bei Continental. Löwenzahn sei für die Rohstoffversorgung auch deshalb interessant, weil man damit relativ kurzfristig auf Angebotsschwankungen reagieren könne. Von Aussaat bis Ernte dauert es nur ein Jahr, bei einer Kautschukplantage hingegen fünf bis sieben Jahre.

Ein Enzym wird ausgetrickst

„Wir benötigen nun eine Löwenzahn-Sorte, die stabil einen hohen Latex-Ertrag über die Generationen weitergibt“, erklärt Professor Prüfer. Die Gentechnik kommt hier nicht in Betracht. Die Aussaat wäre zu riskant, denn die Samen des Löwenzahns („Pusteblume“) verbreiten sich in der Natur sehr stark. Deshalb wird gekreuzt, bis alle gewünschten Eigenschaften stabil sind.

Und es sind einige Hürden zu überwinden. Die größte: Im Latex steckt ein Enzym, das für dessen schnelle Gerinnung sorgt. Das ist gut für verletzte Pflanzen, aber schlecht für die Kautschuk-Gewinnung. Prüfer und sein Team haben nun die Gen-Sequenz entdeckt, die für das Enzym zuständig ist. Und Pflanzen, denen diese Sequenz durch natürliche Mutation fehlt.

„Um deren Weiterzüchtung kümmern wir uns jetzt“, sagt der Professor. Von ihnen lässt sich der wertvolle Saft einfach in einer Schleuder gewinnen.

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