Interview

Prognosen: Alles nur Kaffeesatz?


Warum keiner vorher gewusst hat, dass die Wirtschaft derart in den Keller rutscht

Die unerwartet tiefe Re­zession 2009 ist das „Waterloo“ für einen Teil der Wirtschaftsforschung, sagt Professor Michael Hüther, Direktor des Instituts der deutschen Wirtschaft Köln (IW). Ökonomen kochen auch bloß mit Wasser!

AKTIV: Warum haben die Wirtschaftsforscher die Krise nicht vorausgesehen?

Hüther: So ganz ist immer noch nicht klar, was passiert ist. Noch bis Au­gust 2008 waren alle Kennzahlen, aus denen Ökonomen auf die nähere Zukunft schließen, völlig unauffällig. Zum Beispiel der Wert der neuen Aufträge für die Industrie. Aber dann kam der 15. September ...

AKTIV: ... also die Insolvenz der amerikanischen Investmentbank Lehman Brothers.

Hüther: Anscheinend er­zeugte die Pleite dieses einen großen Geldhauses urplötzlich die Wahrnehmung, dass in der Folge möglicherweise sämtliche Wege der Unternehmens­finanzierung versperrt sein könnten. In Wahrheit wurden die Kredite nicht plötzlich knapp. Aber die Nachfrage der Unternehmen im In- und Ausland stürzte schlagartig ab.

AKTIV: Der gesamte Auftragseingang der deutschen Industrie lag im März immer noch um 20 Prozent niedriger als im August 2008.

Hüther: Was da passiert ist, ist historisch einmalig. Und da muss man einfach auch sagen, das haben wir nicht gesehen.

AKTIV: Ist die Krise ein Debakel für die Zunft der Ökonomen?

Hüther: Es ist ein Waterloo für eine bestimmte Ökonomik – die meint, sie könne die wirtschaftliche Zu­kunft sozusagen in mathematische Modelle pa­cken und verlässlich rechenbar machen.

AKTIV: Aber so funktioniert doch Konjunkturforschung, oder?

Hüther: Die Computermodelle, mit denen viele Prognosen errechnet werden, sind immer nur brauchbar in Zeiten mit einiger­maßen stetiger Entwicklung. Bei extremen Umbrüchen können Sie die Modelle in die Tonne treten. Das war schon beim ersten Ölpreis-Schock 1973 so.

AKTIV: Was folgt daraus? Sollten wir den Konjunkturpropheten in Zukunft am besten gar nichts mehr glauben?

Hüther: „Propheten“ sollten Sie grundsätzlich nichts glauben. Höchstens „Prognostikern“. Das ist ein wichtiger Unterschied, der der breiten Öffentlichkeit nicht bewusst ist und den auch viele Journalisten nicht verstanden haben.

AKTIV:  Erklären Sie ihn uns!

Hüther: Eine Prognose ist der Versuch, die wahrscheinlichste Entwicklung zu be­schreiben – aufgrund der Kenntnisse über die Gegenwart, der Erfahrung aus der Vergangenheit und dem, was wir über die theoretischen Zu­sammenhänge wissen. Computermodelle sind lediglich eine Hilfe, um all das zu sortieren. Das Ergebnis ist eine mehr oder weniger plausible Geschichte mit einem bestimmten Wahrscheinlichkeitsgrad. Sie zu reduzieren auf eine Zahl über das Wirtschaftswachstum, am besten aufs Zehntelprozent genau, das ist ein großes Missverständnis.

AKTIV: Minus sechs Komma null steht für 2009 in der neuen Gemeinschaftsdiagnose von acht in- und ausländischen Instituten für die Bundesregierung.

Hüther: Die Wirtschaft wird nicht genau um 6,0 Prozent schrumpfen, auch nicht um 5,0 Prozent. Warten Sie ab, vielleicht läuft es 2009 am Ende nicht ganz so schlecht.

AKTIV: Und danach?

Hüther: Wenn die aktu­elle Schockreaktion auf die Fi­nanzkrise überwunden ist, hat die deutsche Industrie gute Chancen, die Delle wettzumachen. Eigentlich hat sie im Wettbewerb eine exzellente Position, viel besser als vor zehn Jahren.

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