Plagiate stinken zum Himmel: Zoll zerstört Parfüm-Flakons

Produktfälschungen kosten die Industrie Milliarden – und schädigen auch die Verbraucher

Solingen. Parfüm kann auch mal – zum Himmel stinken. Bei diesem Ortstermin tut es das im wörtlichen und im übertragenen Sinn: Zollbeamte lassen Tausende gefälschte Fläschchen aus ein paar Metern Höhe zerschellen. Das macht einen Höllenlärm, ergibt eine atemberaubende Mischung und kommt vor den Kameras gut rüber. Die Aktion beim Museum Plagiarius in Solingen soll auf ein milliardenschweres Problem aufmerksam machen: Produktpiraterie.

Die Flakons sehen sehr edel aus, sind aber allesamt Fakes. Im Hamburger Hafen aufgeflogen, bei der Röntgenkontrolle eines Containers aus China. Und sie sind sozusagen nur Tropfen in einer Welle: Laut Zoll-Statistik nahm die Zahl beschlagnahmter Körperpflegeprodukte 2014 um 54 Prozent auf fast 1,6 Millionen zu; so viele waren es in keiner anderen Warengruppe.

Produktpiraten bauen auch Wälzlager nach, Pumpen, Motorsägen …

Wobei nachgemacht wird, was sich nachzumachen lohnt – von der Teekanne bis zum Beatmungsgerät, von der Käsereibe bis zum Wälzlager. Im Museum Plagiarius kann man zahlreiche besonders „gelungene“ Fälschungen mit dem jeweiligen Original vergleichen.

Manche Plagiate werden sogar ganz offen beworben: Im März stellten Zöllner an über 30 Ständen der Frankfurter Sanitärmesse ISH gefälschte Ware sicher, vor allem Armaturen und Pumpen.

Der Ideenklau kommt unsere Industrie teuer. So beklagte der Maschinenbauverband VDMA nach einer Umfrage: „Der geschätzte Schaden für den deutschen Maschinen- und Anlagenbau beträgt 7,9 Milliarden Euro jährlich.“

Die Wirtschaft hält gegen – zum Beispiel mit immer aufwendigeren Codierungen der Produkte, mit eigenen Detektiven etwa in Asien, mit branchenübergreifenden Initiativen wie dem Aktionskreis gegen Produkt- und Markenpiraterie in Berlin. Der betonte kürzlich: „Die hohen Zuwachsraten sind auf den blühenden Internethandel zurückzuführen, Fälschungen werden über Auktionsplattformen sowie in betrügerischen Onlineshops angeboten.“ Die Web-Dienstleister müssten stärker dagegen ankämpfen – „auch aus Verantwortung gegenüber den Verbrauchern“.

Denn viele Plagiate bedrohen direkt die privaten Käufer. Etwa die Felge, die unter Belastung zerbricht. Das gepanschte Medikament. Oder auch das Urlaubsmitbringsel: „Wer am Strand eine gefälschte Sonnenbrille kauft, gefährdet seine Augen“, warnt Plagiarius-Geschäftsführerin Christine Lacroix, „solche Brillen haben oft gar keinen UV-Schutz.“

Selbst Pseudo-Parfüm kann tückisch sein. Der Kosmetikverband VKE warnt vor „minderwertigen Inhaltsstoffen, die die Haut reizen und Allergien auslösen“. Wer da beim Online-Kauf sicher gehen will, achtet auf ein Gütesiegel des Verbandes (vke.de), das seriöse Händler auszeichnet.


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Ob Luxus- oder Pfennigartikel: Produkte aller Art werden gefälscht, was das Zeug hält. Manche Plagiate sind leicht zu erkennen – wenn man sie direkt vor sich hat. Doch etwa beim Online-Shopping lauern umso mehr Fake-Fallen.

Einmal im Jahr zeichnet die Aktion „Plagiarius“ besonders dreiste Produktpiraten aus. Original und Fälschung landen im Museum. AKTIV präsentiert zehn Preisträger – beeindruckende Beispiele für den schädlichen Ideenklau.

Abicor Binzel aus Buseck bei Gießen ist weltweiter Marktführer für Schutzgas-Schweiß- und Schneidbrenner – sowie ein Opfer von Produktpiraterie. Und diese ist gefährlich: für die Gesundheit der Verbraucher wie für Jobs.

Weil die Brausen und Wasserhähne von Hansgrohe aus dem Schwarzwald so erfolgreich sind, werden sie häufig kopiert. Das schmälert den Umsatz und schadet dem Produktimage. Das Unternehmen bekämpft daher energisch den Ideenklau.

Diese Frau kann warten. Aber wenn der richtige Zeitpunkt gekommen ist, schnappt sie blitzschnell zu. „Irgendwann“, sagt Ingrid Bichelmeir-Böhn, „kriege ich sie alle.“ Die 45-Jährige koordiniert für den fränkischen Wälzlager-Hersteller Schaeffler weltweit den Kampf gegen Produkt-und Markenfälschung. Man kann auch sagen: Sie jagt Produkt-Piraten.

Produktpiraten haben es immer häufiger auf teure Technik und Maschinen abgesehen. Plagiate kosten die deutsche Industrie 50 Milliarden Euro im Jahr. Wie können sich Firmen gegen Fälschungen wappnen?

Alle zehn Sekunden wird in Deutschland eine Jeans über Ebay verkauft. Aber Vorsicht: Dort wie anderswo tummeln sich auch schwarze Schafe! Wie man Jeans-Fälschungen erkennt, weiß der Textilbetriebswirt Arnd Lohmann.

Der Kauf von Plagiaten gilt für viele als Kavaliersdelikt. Doch in Wahrheit ist er „das Krebsgeschwür der Globalisierung“, warnt Rüdiger Stihl. Der Miteigentümer des gleichnamigen Motorsägen-Herstellers ist Vorstandsvorsitzender des Aktionskreises gegen Produkt- und Markenpiraterie (APM). Auf 50 Milliarden Euro im Jahr schätzt der APM den Schaden für die deutsche Wirtschaft.

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