Interview: Soziale Gerechtigkeit in Deutschland

Politologe Klaus Schroeder zur Armutsdebatte: „Ungleichheit wird überschätzt“

Berlin. Es bringt viele Bürger auf die Palme und wird für heiße Diskussionen im nächsten Bundestagswahlkampf sorgen: das Thema soziale Gerechtigkeit. Über die Unterschiede von Wahrnehmung und Wirklichkeit sprach AKTIV mit Professor Klaus Schroeder. Der Politikwissenschaftler an der Freien Universität Berlin rät zu mehr Sachlichkeit.

AKTIV: Hier in Berlin hat gerade ein Armutskongress der Wohlfahrtsverbände begonnen – die sehen dringenden Handlungsbedarf in der Armutsbekämpfung. Sie etwa nicht?

Professor Schroeder: Nein. Die Wohlfahrtsverbände setzen sich als Interessenvertreter für mehr Umverteilung ein, die wir aber gar nicht brauchen. Groß zugenommen hat die Ungleichheit nicht. Die Lebensrealität ist viel positiver und stabiler als das, was manche Forscher aus den Zahlen lesen wollen.

Auch laut Statistischem Bundesamt sind die Einkommen der Armen und Reichen leicht auseinandergedriftet …

Die Statistik spiegelt einfach die Veränderung der Sozialstruktur wieder. Es gibt heute mehr Single-Haushalte, mehr Alleinerziehende und mehr Ältere als früher, auch mehr Studenten. Und seit 1990 sind 20 Millionen Menschen zugewandert. Es ist ein Wunder, dass die statistisch gemessene Ungleichheit unter diesen Vorzeichen nur so geringfügig gestiegen ist.

 

Wollen Sie damit sagen, es wird viel Wind gemacht um ein Problem, das gar keines ist?

Ganz klar. Es wird uns ja auch immer wieder eingeredet, die Mittelschicht schrumpfe, stehe vor dem sozialen Abstieg. Hier wollen viele gezielt Ängste schüren, ein Gespenst heraufbeschwören. Man muss die Zahlen schon genau anschauen. Zum Beispiel hat die Armutsrisikoquote, die gerne beklagt wird, wenig Aussagekraft.

Danach ist etwa jeder sechste Bürger von Armut bedroht. Was stört Sie an dieser Kennziffer?

Sie ist relativ. Wenn wir morgen alle nur noch die Hälfte verdienen oder alle das Doppelte, dann bleibt diese Quote genau gleich.

Auf der anderen Seite betonen Sie aber auch, Ungleichheit sei unverzichtbar. Wie meinen Sie das?

Wenn die Ungleichheit nicht zu groß ist, wie etwa in Südamerika, dann ist sie produktiv. Denn sie bringt Menschen dazu, sich anzustrengen, Risiken einzugehen, selbstständig zu werden. So können sie aufsteigen und mehr verdienen.

Das hören viele, die es im Leben schwer haben, bestimmt nicht gerne.

Ich bekomme sogar Drohbriefe, wenn ich das in Talkshows sage. Aber die Soziale Marktwirtschaft lebt nun mal von einer gewissen Ungleichheit. Gleichzeitig verhindert sie durch Sozialleistungen auch, dass die Ungleichheit zu groß wird – und das funktioniert sehr gut.

Sind wir Deutsche vielleicht einfach Nörgler?

Jedenfalls wird Ungleichheit beispielsweise in den USA, aber auch in Frankreich und Italien viel weniger kritisiert, obwohl sie dort größer ist. Bei uns diskutieren einige schon fast hysterisch darüber. Und keiner spricht positiv von der Sozialen Marktwirtschaft. Dabei ist sie eine Erfolgsgeschichte. Wir sollten zufrieden sein.

Wenn unsere Ungleichheit normal ist, warum bringt sie dann so viele auf die Palme?

Weil Ideologen vor allem aus dem linken politischen Spektrum uns einreden, dass Gerechtigkeit Gleichheit bedeutet. Außerdem überschätzen viele die Ungleichheit und die Zahl der Reichen, die es hierzulande gibt. So zahlen zum Beispiel nur 0,2 Prozent aller Haushalte die Reichensteuer – die wird fällig, wenn man ein Jahreseinkommen ab 250.000 Euro hat.

Auch wenn es wenige sind, stören sich viele an den Spitzenverdienern.

Natürlich gibt es einige Menschen, die fast unverschämt viel Geld verdienen. Aber zum Beispiel bei Fußballern, die Millionenbeträge bekommen, kritisiert das ja auch niemand. Das Thema ist sehr subjektiv, hier spielt auch Psychologie eine Rolle. Meistens schwingt Sozialneid mit. Und die Daten werden einfach nicht genau genug beleuchtet.

Beim Vermögen ist die Ungleichheit doppelt so groß wie beim Einkommen. Wie ordnen Sie das ein?

Einer der Gründe dafür ist, dass die Menschen in den neuen Bundesländern beim Vermögen viel aufzuholen haben. Noch ein Grund ist, dass die Gewerkschaften sich immer gegen eine stärkere Beteiligung der Belegschaften am Aktienkapital ausgesprochen haben. Wenn sie die Mitarbeiterbeteiligung früh etabliert hätten, sähe die Vermögensverteilung heute anders aus.

Gibt es auch Entwicklungen, die den Wohlstand der breiten Masse verbessert haben?

Man muss nur unser Wirtschaftswachstum ansehen. Und die Rekordbeschäftigung.

Und was kann der Einzelne tun, damit er davon profitiert?

Der Schlüssel liegt für jeden von uns ganz klar in einer guten Bildung und Ausbildung.


Wahrnehmung und Wirklichkeit

Foto: imago
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Laut einer Studie des Münchner Ifo-­Instituts wird die Einkommens­un­gleichheit von vielen Menschen größer vermutet, als sie ist. Sogar 63  Prozent der Wirtschaftsprofessoren glauben, dass sie zunimmt – obwohl die Fakten das nicht bestätigen.

Meist werden Arbeitslose in der Statistik ausgeklammert. Wenn man sie mitbetrachtet, zeigt sich laut Ifo-Studie ein „starker Rückgang“ in der ­Ungleichheit der Bruttoeinkommen seit dem Jahr 2005.

Das haben wir dem Beschäftigungszuwachs zu verdanken. ­Derzeit stehen 43,5 Millionen Menschen in Lohn und Brot, rund 3  Millionen mehr als vor acht Jahren.

Mehr zum Thema:

In Deutschland gebe es „ein Verharren der Armutsquote auf hohem Niveau“, so der Paritätische Wohlfahrtsverband. Wie bitte?! AKTIV erklärt, was hinter der Statistik steckt – wo ihre Schwächen sind und wo ihre Stärken.

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