Gefährliche Preisschraube

Politik setzt Zement-Hersteller unter Druck – ein Bärendienst für die Umwelt

Zement aus deutscher Herstellung wird teurer, wenn die EU ihre Pläne zum Handel mit Emissionsrechten umsetzt. Profitieren würden davon die Produzenten aus Schwellenländern. Für den Klimaschutz aber wäre das fatal.

Rohstoff für den Bau: Zement-Produktion im bayerischen Schwarzenfeld. Foto: Mauritius

Rohstoff für den Bau: Zement-Produktion im bayerischen Schwarzenfeld. Foto: Mauritius

Berlin/Essen. Der Wohnungsbau in Deutschland boomt. Doch den Betrieben, die den wichtigsten Baustoff Zement herstellen, will die Politik das Leben schwermachen – mit verschärften Klimaschutzauflagen, die letztlich sogar negative Auswirkungen auf die Umwelt hätten.

Der Hintergrund: Die EU arbeitet derzeit an strengeren Regeln für den Handel mit Emissionsrechten, also Zertifikaten, die zum Ausstoß des Treibhausgases CO2 berechtigen. Die Zement-Produktion ist nicht nur sehr energieintensiv, es entsteht auch prozessbedingt viel CO2 – weil Zement aus uralten Kalk-Ablagerungen gewonnen wird.

Bisher erhalten europäische Hersteller, auf Basis anspruchsvoller Benchmarks, eine kostenfreie Zuteilung von Zertifikaten: eine politische Entscheidung, die den Unternehmen im Preiskampf mit Anbietern aus China, der Türkei, Afrika und Nahost hilft. Die sind beim Zertifikatehandel außen vor.

Zement aus Nordafrika bedeutet viel C02 extra

Künftig, so der politische Diskussionsstand in Brüssel, soll die europäische Zement-Industrie die Rechte in erheblichem Umfang in Auktionen ersteigern. Heimischer Zement würde dadurch teurer, die Konkurrenz aus den Schwellenländern hätte einen Preisvorteil, weil sie diese Last nicht schultern muss. Dass der Zement von weit her verschifft werden muss, fällt bei den Kosten kaum ins Gewicht: Der Transport einer Tonne Zementklinker aus Nordafrika nach Deutschland kostet weniger als 10 Euro.


Aber für die CO2-Bilanz und damit für die Umwelt ist dies schlecht. Der Schiffstransport verursacht noch einmal ein Fünftel so viel Klimagas wie die Produktion. Hinzu kommt, dass die heimischen Hersteller sauberer produzieren: Die deutsche Zement-Industrie setzt viel energieeffizientere Drehöfen ein als die Produzenten außerhalb der EU. Zudem füttert sie die Öfen zu zwei Dritteln mit alternativen Brennstoffen aus Abfällen – weltweit sind es 16 Prozent.

Wenn künftig Produktion ins nichteuropäische Ausland verlagert wird, so schlussfolgert Professor Manuel Frondel vom Essener Wirtschaftsforschungsinstitut RWI, fällt der Ausstoß insgesamt höher aus als ohne Emissionsregulierung in Europa. Der Ökonom betont den Druck, unter dem die heimische Zement-Industrie steht: „Europa ist keine Insel, sondern muss im globalen Wettbewerb bestehen. Emissionshandel ist auf Dauer nur sinnvoll, wenn sich die Schwellenländer beteiligen.“ Darauf lasse das Pariser Klimaabkommen für die Zukunft immerhin hoffen.

Laut Branchenverband VDZ bergen die Reformvorschläge erhebliche Risiken für die Wettbewerbsfähigkeit der Produktionsstandorte in Deutschland und Europa. Die 55 deutschen Zementwerke haben 7.900 Beschäftigte. Insgesamt, von Transportbeton- und Betonfertigteil- bis zu Mörtelherstellern, hängen an der Branche 75.000 Arbeitsplätze.

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