Umwelt

Pfiffiger Kick fürs Klimagas


Forscher wollen aus Kohlendioxid Kunststoffe herstellen

Leverkusen. „Ich war einmal Klimagas.“ Mit diesem Slogan könnten Hersteller von Fußbällen, Matratzen, Turnschuhen und Dämmstoffen demnächst für ihre Produkte werben. Sofern die aus Schaumstoff vom Leverkusener Chemie-Unternehmen Bayer bestehen. Denn der baut klimaschädliches Kohlendioxid erstmals in ein Vorprodukt für Schaumstoff (Polyurethan) ein.

Seit Mitte Februar läuft eine Pilotanlage. An die 100 Kilogramm Vorprodukt spuckt sie pro Tag aus. Bis 2015 wollen Bayer-Techniker den Output auf mehrere Tonnen steigern. Statt in der Atmosphäre, wo es das Klima anheizt, verschwindet das Abgas dauerhaft in dem weichen Kunststoff.

Möglich macht es ein neues Verfahren, das Forscher von Bayer und der Rheinisch-Westfälischen Technischen Hochschule Aachen entwickelt haben. Bayer-Forscher Christoph Gürtler: „Das ist eine chemische Traum-Reaktion. Jahrzehnte haben Chemiker danach gesucht.“

Ersatz für teures Erdöl in Sicht

Klimagas zu Kunststoff – es wäre auch ein Traum, das schädliche Abgas im großen Stil als Rohstoff zu nutzen. Rund 21 Millionen Tonnen Kunststoff produzieren Firmen hierzulande im Jahr. Damit ließe sich eine Menge Kohlendioxid (CO2) verbrauchen.

Das Klimaproblem kann man so zwar nicht lösen. Dennoch forschen Chemie-Firmen, Unis und Institute derzeit fieberhaft an der CO2- Verwertung. Drei Dinge machen das Gas zunehmend wirtschaftlich interessant:

Es gibt genug davon. Rund 800 Millionen Tonnen CO2 pusten Kraftwerke und Heizungen bundesweit jährlich in die Luft. Auch das CO2 für den Bayer-Schaumstoff entstand so. Es kommt aus der Rauchgas-Wäsche eines Braunkohle-Kraftwerks bei Köln.

Die Preise für die derzeitigen Chemie-Rohstoffe Erdöl und Gas „steigen stetig“, wie der Bayer-Forschungsvorstand Wolfgang Plischke sagt.

Die EU will den Ausstoß des Klimagases verringern. Betriebe und Kraftwerke benöti-gen dafür heute Zertifikate. „Wer weniger CO2 ausstößt, kann überschüssige Zertifikate verkaufen“, sagt Plischke. Die CO2-Nutzung bringt so zusätzliche Einnahmen.

Deshalb herrscht bei Forschern und Firmen derzeit so etwas wie Goldgräber-Stimmung. Weltweit arbeiten einige Dutzend Teams an den Traum-Reaktionen. Die Ludwigshafener BASF will mit dem Gas Acrylsäure für Superabsorber in Babywindeln herstellen. Die Technische Universität München tüftelt an Polycarbonat für Autobau, CDs sowie DVDs. Und die Münch-ner Süd-Chemie forscht nach neuen Wegen zu wichtigen Chemie-Grundstoffen.

Durchbruch in wenigen Jahren

Ohne Katalysatoren wird der Traum aber nicht wahr. Denn Kohlendioxid ist sehr stabil, weiß Professor Matthias Beller vom renommierten Leibniz-Institut für Katalyse in Rostock: „Nur mit Katalysatoren als chemische ,Heiratsvermittler‘ kann man es in neue Verbindungen einkuppeln, ohne dass das hohe Temperaturen und zu viel Energie erfordert.“ Deshalb sind neue Entwicklungen gefragt.

Doch der große Durchbruch steht noch aus. „Bisher bauen wir das Kohlendioxid quasi unverändert in Verbindungen ein“, erklärt Beller. „Erst wenn wir das Molekül aufknacken und über sein Kohlenstoff-Atom an ein Kohlenstoff-Atom einer anderen Verbindung andocken, haben wir es geschafft.“

Dann kann man aus dem Gas praktisch alles Mögliche machen. Und für die Chemie beginnt ein neues Zeitalter. Beller ist zuversichtlich: „In den nächsten zwei, drei Jahren sollte das erstmals gelingen.“ Zumindest im Labor.

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