Chemie-Industrie

Partnerschaft statt Klassenkampf


Arbeitgeber und Gewerkschaft der Chemie vereinbaren als erste Branche Ethik-Leitlinien

Berlin. Erfolgreiche Unternehmen, Wachstum, Wohlstand und Jobs für alle – dafür steht die „Soziale Marktwirtschaft“ seit den 1950er- und 60er-Jahren. Doch heute denken viele beim Stichwort Marktwirtschaft eher an Arbeitslosigkeit, Billig-Jobs, gierige Manager und mangelnde Bildungschancen.

Ergebnis: Zwei Drittel der Deutschen empfinden die wirtschaftlichen Verhältnisse und die Chancenverteilung hierzulande nicht mehr als gerecht. „Das muss uns alarmieren!“, sagt Bundespräsident Horst Köhler.

Neues Vertrauen für Marktwirtschaft

Die Tarifpartner in der Chemie haben reagiert und sich „Leitlinien für verantwortliches Handeln in der Sozialen Marktwirtschaft“ verordnet. Kürzlich haben sie dazu in Berlin im Beisein des Bundespräsidenten sogar eine Sozialpartner-Vereinbarung unterzeichnet. Erstmals haben damit Gewerkschaft und Arbeitgeberverband einer Branche ethische Grundsätze für sich und die Unternehmen formuliert.

Das Ziel dabei: „Neues Vertrauen in die Soziale Marktwirtschaft und unsere Demokratie zu stiften“, formuliert IG BCE-Vorsitzender Hubertus Schmoldt. „Wir brauchen eine gesellschaftliche Übereinkunft, an welchen Werten sich verantwortliches Handeln orientieren muss“, findet Schmoldt. Denn im Wirtschaftsleben seien die Maßstäbe „ein Stück weit abhanden gekommen“.

Auch für Eggert Voscherau, den Präsidenten des Bundesarbeitgeberverbands Chemie (BAVC), sind die Ethik-Leitlinien der „ernsthafte Versuch, der Vertrauenskrise in die Soziale Marktwirtschaft entgegenzutreten“. Der langjährige BASF-Manager weiß aber: „Wir sind nicht so naiv zu glauben, wir könnten das alleine stemmen. Aber wir können einen Stein ins Rollen bringen – und damit andere anstoßen.“

Doch was sollen die Leitlinien bringen? IG BCE und BAVC wollen mit ihnen ein „werteorientiertes, faires Verhalten“ in der Chemie fördern. Sie werden ihre zukünftige Arbeit daran ausrichten und damit im Grunde die bewährte Sozialpartnerschaft noch vertiefen. Angestrebt sind „unternehmerischer Erfolg“, „nachhaltiges Wirtschaften“, „vertrauensvoller Umgang miteinander“, „faire Gestaltung der Globalisierung“ sowie „Chancen für den Einzelnen“ (siehe unten: Das steckt im Ethik-Pakt).

Was das heißt, erläutert Joachim Nowak, Betriebsrat der Standortgesellschaft Interleuna in Leuna: „Selbstverständlich müssen und sollen Unternehmen Gewinne erzielen. Aber nicht um jeden Preis.

Entscheidend ist die Antwort auf die Frage, wie man Chancen und Risiken im globalen Wettbewerb für beide Seiten fair zum Ausgleich bringt.“ Bundespräsident Köhler stimmt ihm da zu: „Nicht Klassenkampf, sondern Sozialpartnerschaft bringt uns voran.“

Akademie soll Grundwerte vermitteln

Damit es nicht bei Reden und Papieren bleibt, werden IG BCE und BAVC eine gemeinsame Sozialpartner-Akademie gründen. Sie soll Führungskräfte und Betriebsräte schulen und ihnen Grundwerte und Leitlinien für verantwortliches Handeln vermitteln. In den Betrieben werden Diskussionen starten. Und auch die Spitzen von Arbeitgeberverband und Gewerkschaft werden sich regelmäßig zur Debatte treffen.

Die Chemie wagt wieder Neues. Und der Bundespräsident macht Mut: Die Richtung, die hier eingeschlagen wird, sei „wegweisend für alle“.

Das steckt im Ethik-Pakt

Ein Jahr lang haben 250 Vertreter aus der Chemie in der Lutherstadt Wittenberg die Leitlinien formuliert und dabei gegrübelt, gefeilt und gerungen. Azubis und alte Hasen, Vorstände und Betriebsräte machten mit. Experten des deutsch-amerikanischen Wittenberg-Zentrums für Globale Ethik halfen. Herausgekommen sind fünf Thesen:

Erfolg. Ohne erfolgreiche Unternehmen geht nichts. Nur sie ermöglichen Forschung, Investitionen und sichere Arbeitsplätze.

Nachhaltigkeit. Der Schutz von Gesundheit und Umwelt sowie die Sicherheit von Mitarbeitern, Anwendern und Nachbarn sind so wichtig wie der Firmenerfolg.

Gute Arbeit. Respekt, Vertrauen, Verständigung und faire Standards sind das Ziel – auch im harten internationalen Wettbewerb.

Globalisierung. Auf allen Märkten präsent sein gibt dem Chemiestandort Zukunft. Fairness gehört dazu. Eine Aufspaltung in Gewinner und Verlierer soll es dabei möglichst nicht geben.

Qualifizierte Mitarbeiter. Sie sind der wichtigste Trumpf im weltweiten Wettbewerb. Sie brauchen eine gute Bildung und Ausbildung. Hier sind Staat, Betriebe sowie der Einzelne gefordert.

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