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Operation Herkules


Wie sich die Bundeswehr auf die Zukunft einstellt – und dabei von der Wirtschaft lernt

Streitkräfte in der Klemme: Wenn zum 1. Juli die Wehrpflicht ausgesetzt wird, muss unsere Armee mit noch we­niger Personal auskommen. Gleichzeitig soll sie bis 2015 insgesamt bis zu 8 Milliarden Euro einsparen. Und sie muss immer riskantere Auslandseinsätze stemmen – in Afghanistan, auf dem Balkan und auf den Seewegen vor Afrikas Küste.

Mit einem gewal­tigen Klatsch schlägt der Panzer im Wassergraben auf. Eine Schlammwelle schießt empor. Hauptfeldwebel Christian Neiß beobachtet das Manöver aus nächster Nähe, während sein Kamerad Jörn Bocklisch das 25 Tonnen schwere Fahrzeug schon wieder einen Hügel raufjagt.

Die Rommel-Kaserne in Dornstadt bei Ulm: Was die Männer im Übungsgelände trainieren, muss wenige Wochen später in Afghanistan reibungslos klappen. Der Radpanzer „Boxer“ soll womöglich in schwierigem Gelände Verwundete aus der Schusslinie bringen.

Während die Unteroffiziere mit dem Gefährt üben, sorgt im Verwaltungsgebäude nebenan der Chef der Logistik-Truppe dafür, dass die Panzer rechtzeitig ins Krisengebiet geliefert werden: „Wir sind Dienstleister der Bundeswehr im In- und Ausland“, sagt Oberst Georg von Harling. Dornstadt ist einer von nur zwei Standorten, denen die Depots der gesamten Bundeswehr unterstehen.

Und so kriegerisch der Mann in seinem Flecktarn-Anzug auch wirkt: Wenn er am Schreibtisch sitzt und mit bedächtigen Worten über die Arbeit seiner Nachschub-Truppe spricht, erinnert er beinahe an einen Manager.

Der tägliche Kampf gegen die Kosten

Wirtschaftliches Denken statt zackiger Kommandos! Hier wird deutlich: Auf immer neue Anforderungen in aller Welt und Sparzwänge zu Hause reagiert das Militär wie ein Unternehmen auf die Globalisierung.

Zurzeit produzieren rund 220.000 Soldatinnen und Soldaten an 400 Standorten das Gut staatliche Sicherheit. Verteidigungsminister Thomas de Maizière will die Personalstärke auf 175.000 reduzieren. Und beim Haushalt, der in diesem Jahr 32,2 Milliarden Euro umfasst, stehen massive Einschnitte bevor.

Um die Schlagkraft dennoch zu erhalten, werden Abläufe gestrafft. „Wie bei uns in Dornstadt wird deshalb an allen Standorten Computer-Software von SAP eingeführt“, sagt von Harling.

„Herkules“ heißt dieses IT-Projekt. Das deutsche Unternehmen Mobilcom, die US-Computerfirma CSC und der europäische Konzern EADS bringen 140.000 Personalcomputer samt Telekommunikation auf Vordermann.

Und in den Kasernen fängt der Kampf gegen die Kosten schon beim Anbringen der Steckdosenleiste an. Geführt wird er von Zivilisten wie Marlene Elsasser. „Wir richten gerade eine zentrale Auftragsverwaltung für den technischen Betriebsdienst ein“, erklärt die Chefin des Bundeswehr-Dienstleistungszentrums in Ulm.

Vorbei ist die Zeit, als jede Kaserne eigene Handwerker hatte. „Der Soldat fordert bei uns einen Elektriker an, wir schicken ihn raus“, sagt Elsasser. Die bundesweit 59 Dienstleistungszentren kümmern sich – von Reparaturen und Verpflegung bis zum Bau von Unterkünften – um den zivilen Betrieb.

Material für 30 Milliarden Euro

Bis 2006 hießen sie Standort-Verwaltungen. Neues Etikett, neues Denken? „Wir arbeiten mit betriebswirtschaftlichen Elementen“, betont Elsasser. „Es gibt ein Controlling. Mit den Mitarbeitern der Verwaltung werden Ziele vereinbart. So sorgen wir dafür, dass die Soldaten sich um ihr Kerngeschäft kümmern können.“

Das Kerngeschäft. Oberst von Harling sind solche Begriffe aus der Welt der Unternehmen nicht fremd. „Ich bin Diplom-Kaufmann“, sagt der Absolvent einer Bundeswehr-Hochschule.

Statt um Bilanzen aber kümmert er sich um Bestände – und darum, sie bei Bedarf sofort zu liefern. „In meiner Verantwortung liegt Material für 30 Milliarden Euro“, sagt der Kommandant. 1,5 Millionen Artikel lagern hier – von der Patrone bis zum Ersatzteil für das mehr als 50 Jahre alte Transportflugzeug Transall.

Zusammenarbeit mit zivilen Speditionen

„Wie in der zivilen Logistik hat auch bei uns jede Position eine Buchungsnummer, über die sie jederzeit angefordert werden kann“, erklärt von Harling. Ob aus einer Kaserne oder aus Afghanistan: Die eingehenden Bestellungen werden über das SAP-System erfasst. Bei der Auslieferung arbeiten die militärischen Logistiker mit zivilen Speditionen zusammen.

Spätestens am Flughafen aber endet diese Kooperation. Sobald das Material in Krisengebiete ausgeflogen wird, sind die uniformierten Nachschub-Spezialisten wieder unter sich. Denn in diesem Punkt unterscheidet sich das Unternehmen Bundeswehr von jedem anderen Betrieb: „Schließlich kommen Soldaten in bedrohliche Situationen – das betrifft auch die Logistiker im Auslandseinsatz.“

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