Standpunkt

Ohne die Industrie geht es nicht

Wenn sie an Schwung verliert, leidet auch die übrige Wirtschaft

Totgesagte leben länger. Jedenfalls gilt das für die deutsche Industrie. Der langjährige Stellenabbau ist gestoppt, nun wird sogar zugelegt – und das kräftiger als in anderen Bereichen.

In der Gesamtwirtschaft werden dieses Jahr 300.000 zusätzliche Arbeitsplätze erwartet, davon ein Drittel in der Industrie – obwohl ihr Anteil am Bestand bei einem Fünftel liegt. Das Wirtschaftsministerium rechnet mit einer Fortsetzung dieses Trends bis mindestens 2010.

Für die AKTIV-Leser, die zumeist in der Industrie beschäftigt sind, ist das eine gute Nachricht.

Der Beschäftigungsschub in diesem Bereich ist ein Beleg für wachsende globale Wettbewerbsfähigkeit. Mittels der wir unseren Bedarf an ausländischen Waren (Rohstoffe!) und Dienstleistungen solide decken können.

Zwar wird man im Auge behalten müssen, dass der Lauf der fortgeschrittenen Wirtschaftswelt ein Stück weit weg von der reinen Fertigung und hin zu mehr Dienstleistungen führt. Das ist eine Wohlstands-Erscheinung: 1991 gaben die Deutschen 43 Prozent ihrer Haushaltsbudgets für Dienstleistungen aus, 2006 schon 52 Prozent. Zudem ersetzt der technische Fortschritt vor allem in der Fertigung menschliche Arbeitskraft: Die Produktion je Industrie-Arbeitsstunde legte von 1991 bis 2006 um 3,3 Prozent zu, bei den Dienstleistungen nur um 0,1 Prozent. So spricht einiges dafür, dass der steigende Anteil an Industrie-Arbeitsplätzen nicht auf Dauer gestellt ist. Und zwar sowohl bei guter als auch bei weniger guter gesamtwirtschaftlicher Entwicklung.

Im besseren Fall würden wir unseren Anteil am wachsenden Weltmarkt für Industriewaren und damit die ausfuhrabhängigen Arbeitsplätze in etwa halten.  Unabhängig davon könnte die Beschäftigung bei den Dienstleistungen weiter wachsen. Das entspräche dem gedeihlichen Verlauf in den USA der 90er-Jahre: Die Zahl der Industrie-Beschäftigten blieb in etwa gleich, die Stellen im Servicebereich legten um ein Viertel zu.

Verlöre unsere Industrie hingegen wieder an Wettbewerbsfähigkeit und damit an Arbeitsplätzen, würde das auch die Dienstleistungen bremsen: Das Wirtschaftswachstum käme unter Druck.

Außerdem kommt ein großer Teil der Dienstleistungsnachfrage, rund 40 Prozent, direkt aus der Industrie.


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