Warum landen bei uns Menschen auf der Straße?

Obdachlosigkeit kann jeden in Deutschland treffen

Köln. Am Tag, an dem Klaus Schiebe dachte, er müsse jetzt sterben, schien die Sonne, die Luft war kalt und klar. Schiebe, 60 Jahre, obdachlos, lag auf seinem Lager aus Decken und Plastiktüten, mitten in der Kölner Innenstadt. Um ihn herum pulsierte das Leben, Passanten eilten vorbei. Aus Klaus Schiebe aber entwich das Leben, ganz langsam. Sein Atem war nur noch ein Röcheln, das Fieber hoch. Dann, in letzter Minute, kam der Notarzt.

Jetzt, Wochen später, sitzt Schiebe auf einem Schemel im „Gulliver“, einer Anlaufstation für Obdachlose am Kölner Hauptbahnhof und erzählt von jenem Tag, als er dem Tod von der Schippe sprang. „Schwere Lungenentzündung, Wasser in der Herzkammer, war knapp bei mir.“ Noch mal, das hätten ihm die Ärzte eingeschärft, überlebe er so was nicht. „Ich soll mein Leben ändern, haben sie mir gesagt.“ Im Klartext: „Ich muss runter von der Straße. Für immer!“

Trennungen, Süchte und häusliche Gewalt sind häufige Auslöser

Runter von der Straße – Klaus Schiebe ist nicht der Einzige, der das vorhat. Kaum zu glauben, trotzdem wahr: Wohnungslosigkeit ist ein Massen-Phänomen in Deutschland!

Unfassbare 284.000 Menschen haben derzeit keine eigene feste Bleibe, schätzt die Bundesarbeitsgemeinschaft Wohnungslosenhilfe (BAGW) in Berlin. Fast 15 Prozent mehr als noch 2010. „Und die Tendenz ist weiter steigend“, beklagt Werenea Rosenke, stellvertretende BAGW-Geschäftsführerin.

Folge: Viele Notunterkünfte gelangen derzeit an die Grenze ihrer Kapazitäten. Und: 25.000 Menschen haben aktuell gar kein Dach über dem Kopf – sie leben auf der Straße.

Im reichen Deutschland? Trotz sozialen Netzes? Trotz Mindestlohns? Und obwohl das Gesetz doch vorschreibt, dass das Amt jenen die Miete zahlen muss, die dazu selbst nicht in der Lage sind? Wie kann das sein?

Klar zumindest ist: Es kann jeden treffen! „Am Anfang stehen häufig kritische Lebensereignisse wie eine Trennung, ausufernde Suchtprobleme oder häusliche Gewalt“, erklärt Rosenke. Nicht selten kämen gleich mehrere dieser Faktoren zusammen. Das Leben gerate plötzlich aus der Bahn, Mietschulden würden angehäuft, Briefe nicht mehr geöffnet. Viele Betroffene wüssten in der Folge nicht, an wen sie sich wenden müssen. Rosenke: „Die Menschen kennen oft ihre Rechte nicht oder sie kommen mit der Bürokratie nicht klar.“

Auch der renommierte Sozialforscher Professor Harald Ansen von der Hochschule für Angewandte Wissenschaften in Hamburg hat eine Art Schockstarre als Kernproblem ausgemacht. Er sagt: „Wer in eine solche Krise gerät, ist oft nicht mehr handlungsfähig genug, um Sozialleistungen und Hilfsangebote nutzen zu können.“

Bezahlbarer Wohnraum ist Mangelware

Auch hier: Es kann jeden treffen. „Wohnungslose sind keine homogene Gruppe“, bestätigt Professorin Susanne Gerull, Armutsforscherin an der Alice-Salomon-Hochschule Berlin. „Sozial Benachteiligte finden sich da genauso wie Ärzte oder Facharbeiter.“

Wie Klaus Schiebe aus Köln. Seine Geschichte: Job im Tiefbau, dann kam Teufel Alkohol, schlimme Scheidung, der Verlust der Wohnung vor acht Jahren. „Ab da hab ich Platte gemacht.“ Trier und Heidelberg, Norddeutschland, wieder Köln. Seit der Geschichte mit der Lunge schläft er in einem Obdachlosen-Asyl, hofft jetzt auf eine Wohnung. „Nicht in Köln, keine Chance, aber in Wuppertal, da gibt’s Leerstand“, sagt er.

Zu wenig bezahlbarer Wohnraum – nächstes Kernproblem, gerade in Ballungsräumen. Beispiel Hamburg: Einer Studie zufolge fehlen allein in der Hansestadt über 100.000 Sozialwohnungen.

Dabei wären die so wichtig, nicht nur in Hamburg. Denn: Je schneller Menschen wieder eine Wohnung bekommen, desto besser sind ihre Perspektiven. Sozialforscher Harald Ansen: „Wir brauchen daher bundesweit ein konzertiertes Vorgehen von Kommunen, Jobcentern, Wohnungslosenhilfe und Wohnungswirtschaft.“

Jedoch: Nicht selten kehren Betroffene trotz neu zugewiesener Wohnung sogar freiwillig zurück auf die Straße. Weil sie mit dem Alltag oder den Regeln nachbarschaftlichen Zusammenlebens nicht mehr klarkommen. „Drehtüreffekt“, nennt Sozialforscher Ansen dieses Phänomen.

Vor dem auch Klaus Schiebe in Köln nicht ganz gefeit scheint. „Auch wenn ich nach Wuppertal gehe: Mein Milieu hier in Köln will ich nicht aufgeben“, sagt er. Er will dann pendeln, mit der S-Bahn. Eine gute Idee klingt anders.


Fakten

Rollende Praxis: Meist einzige Chance auf medizinische Hilfe. Foto: dpa
Rollende Praxis: Meist einzige Chance auf medizinische Hilfe. Foto: dpa

Miese Bildung, schlechte Gesundheit

  • 75 Prozent der bundesweit 284.000 Wohnungslosen sind männlich. Ebenfalls drei Viertel haben einen niedrigen Bildungsstand, etwa die Hälfte hat keine abgeschlossene Berufsausbildung.
  • Auch Wohnungslose haben Anrecht auf die Hartz-IV-Grundleistung von 384 Euro im Monat.
  • Forscher der TU München haben herausgefunden: 80 Prozent haben ein Suchtproblem.
  • Einer Hamburger Untersuchung zufolge beträgt die durchschnittliche Lebenserwartung auf der Straße 47 Jahre.

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