Noch wird zu wenig Energie gespart

Nur mit thermischer Sanierung erreicht Deutschland seine Klimaziele

Schwerte/München. Hat Sie die letzte Heizkosten-Abrechnung wieder aus den Socken gehauen? Einigen Bürgern in der Ruhrgebietsstadt Schwerte kann das nicht passieren. Dort gibt es in der Märkischen Straße fünf Wohnblocks aus den 60er-Jahren. Sie zeigen, wie viel eine energetische Sanierung bringt.

3,7 Millionen Euro hat die Wohnungsbaugenossenschaft GWG in Dämmung, Fenster und Heizung investiert – und so die Heizkosten drastisch reduziert. Für eine 66-Quadratmeter-Wohnung zum Beispiel zahlt man nur noch 24 Euro im Monat. „Das rechnet sich für die Mieter in Euro und Cent“, sagt GWG-Geschäftsführer Ralf Grobe.

Kein Einzelfall. Allein die Internet-Seite co2online.de listet bundesweit fast 500 solcher „Best-Practice“-Wunderobjekte auf. Die Bundesregierung hofft auf Nachahmer. Denn ohne noch mehr auf Energie-Effizienz getrimmte Häuser sind die staatlichen Klimaschutzziele nicht erreichbar.

Im Jahr 2020 soll der Kohlendioxid-Ausstoß um zwei Fünftel niedriger liegen als 1990, im Jahr 2050 sogar um vier Fünftel. Die Gebäude schlucken 38 Prozent der Energie – mehr als der Verkehr oder die Industrie. Und während das Sparen bei Produktionsanlagen und Autos schon lange ein Top-Thema ist, hat man das Potenzial bei Immobilien noch kaum in Angriff genommen.

Wirtschaftsforscher fordern dauerhafte steuerliche Förderung, damit Investitionen steigen

Um die Sanierung der 20 Millionen Objekte zu beschleunigen, wollte die Große Koalition über die nächsten Jahre eigentlich 5 Milliarden Euro steuerliche Förderung lockermachen. Doch die Entscheidung zieht sich hin, weil es Streit um die Finanzierung gibt.

Experten wie Ulrich Benterbusch, Geschäftsführer der halbstaatlichen Deutschen Energie-Agentur in Berlin, mahnen zur Eile: „Ohne Wärmewende hat die Energiewende keine Chance.“ Dafür brauche man auch Steuerförderung: „So könnten Eigentümer zur energetischen Sanierung motiviert werden, die mit den bisherigen Förderprogrammen nicht erreicht wurden.“

Die Förderbank KfW bietet Zuschüsse und zinsgünstige Darlehen. Doch pro Jahr wird nur 1 Prozent der Gebäude saniert. Für die Klimaziele muss die Rate aber zügig auf 2 bis 3 Prozent steigen.

Selbst das Institut der deutschen Wirtschaft Köln (IW), das Subventionen prinzipiell kritisch gegenübersteht, sieht hier einen Sonderfall. „Der Klimaschutz durch sanierte Häuser schafft einen positiven allgemeinen Nutzen, der bislang nicht ausreichend vergütet wird“, argumentiert Immobilien-Experte Ralph Henger.

Dass die Schwerter Wohnungsbaugenossenschaft ihre Mustersanierung stemmen konnte, lag am guten Eigenkapitalpolster. Sie dämmte die Fassaden mit Mineralfaser, packte Kellerdecken und Dach gut ein, baute eine Heizzentrale sowie neue Fenster und Dachgauben ein und modernisierte die 95 Wohnungen. Zwar erhöhte sie die Mieten. Dennoch seien die Wohnungen wegen der niedrigen Betriebskosten begehrt, berichtet Geschäftsführer Grobe: „Wenn da jemand die Gardinen wäscht, rufen bei uns die Leute an und fragen, ob eine Wohnung frei wird.“

In einem Altbau von vor 1977, dem Jahr der ersten Wärmeschutzverordnung, „kann man durch Sanierung idealerweise mehr als 80 Prozent Heizenergie einsparen“, sagt Professor Andreas Holm vom Forschungsinstitut für Wärmeschutz in München. „50 Prozent werden realistischerweise erreicht.“

Eine große Rolle spielt dabei der Einbau neuer Heizungen. Die alten Energieverschwender von vor 1985 müssen laut Energieeinsparverordnung noch 2015 ersetzt werden. Andreas Lücke, Hauptgeschäftsführer des Heizungsherstellerverbands BDH in Köln: „Von den 20,5 Millionen Heizungen in Deutschland sind drei Viertel mindestens 20 Jahre alt. Würde das alles auf den Stand der Technik gebracht, ließen sich 13 Prozent des deutschen Endenergieverbrauchs einsparen.“

Der Umstieg auf moderne Brennwerttechnik, so Lücke, spart „bis zu 30 Prozent“. Oder noch mehr, wenn Sonnenkollektoren warmes Wasser zuliefern, wie in den Musterblocks in Schwerte. Experten empfehlen, dabei das Dämmen gleich mit im Blick zu haben – damit der neue Kessel nicht zu groß ausfällt.

Allerdings ist das Dämmen nicht unumstritten: Irritiert durch manche Medienberichte hält es laut Umfragen die Hälfte der Deutschen für unsinnig. Viele fürchten Schimmel, Müllberge und Brandrisiken. Für den Münchener Energieforscher Holm „sind da eine Menge Vorurteile im Spiel“ (siehe unten).

Er rechnet vor: Wenn bei einem Einfamilienhaus mit 200 Quadratmetern Fassade sowieso Putz- und Malerarbeiten anstehen und man bei dieser Gelegenheit dämmt, kostet das 8.000 bis 10.000 Euro extra. „Diese Kosten sind in weniger als zehn Jahren eingespielt.“ Es lohne sich eigentlich schon ohne Förderung. „Aber vielen Hausbesitzern fehlt es an Liquidität – und am psychologischen Anschub.“


Hintergrund

Foto: dpa
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Drei Vorurteile unter der Lupe

Schimmel? Manche Menschen befürchten, dass Dämmen ihn befördert. Aber Schimmel entsteht auf kühlen Oberflächen, auf denen sich Wasser niederschlägt, nicht auf gedämmten Wänden, die ja wärmer sind.

Mülllawine? Droht durch alte Styropor-Platten definitiv nicht. Zurzeit fallen jährlich 10 000 Tonnen an – das sind 0,003 Prozent der Abfallmenge. Man kann Styropor gut durch Verbrennen entsorgen.

Brandgefahr? Nach bundesweit 18 Fällen hat die Bauministerkonferenz 2014 die Zulassungsbestimmungen verschärft. „Eine erhöhte Gefahr ist bei fachgerechter Dämmung nicht gegeben“, urteilt die halbstaatliche Fachagentur Dena in einer Info-Broschüre (Download: ao5.de/sanieren).

Praktische Hilfe für die energetische Sanierung: energie-effizienz-experten.de

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