Themen-Special: Tarifrunde 2018

Nur 28 Stunden: Gewerkschaftsforderung gefährdet das System der Tarifverträge

Schon jetzt zählen unsere Arbeitskosten zu den höchsten der Welt. Mit ihrer Arbeitszeit-Forderung würde die IG Metall den Betrieben ein neues Problem aufbürden: Sie können nicht mehr auf schwankende Aufträge reagieren.

München. Die Tarifrunde 2018 in der Metall- und Elektroindustrie droht zu einem Kampf um die Zukunftsfähigkeit der Betriebe und Arbeitsplätze zu werden. Das ergibt sich aus den veröffentlichten Überlegungen der IG Metall.

Es geht diesmal nicht nur ums Geld – schon die absehbar drastische Lohnforderung versetzt die Betriebe in Alarmstimmung. Doch die Gewerkschaft zieht auch noch das Thema Arbeitszeit hoch: „Alle Beschäftigten sollen das Recht bekommen, ihre Arbeitszeit vorübergehend zu reduzieren.“

Und zwar gleich dreifach anders als bisher: mit Rückkehrrecht auf 35 Stunden, ohne Vetorecht des Arbeitgebers – und auch noch auf seine Kosten.

Weltfremder und ungerechter Vorschlag

In der Forderungsempfehlung des IG-Metall-Bundesvorstands vom 10. Oktober heißt es: Arbeitszeit runter auf bis zu 28 Stunden, für bis zu zwei Jahre. Jeder Mitarbeiter könnte damit seine Stundenzahl runter- und wieder hochfahren. Die Planung in den Betrieben, die Teil globaler Wertschöpfungsketten sind und auf schwankende Auftragslagen reagieren müssen, würde praktisch unmöglich.

Und obwohl die Arbeitskosten schon zu den höchsten der Welt zählen, käme noch eine enorme Belastung obendrauf. Für weite Teile der Belegschaften drängt die IG Metall auf einen „finanziellen Ausgleich“ während der Phase reduzierter Arbeitszeit: „Wer das tut, um Kinder zu erziehen und Angehörige zu pflegen, soll einen Entgeltzuschuss erhalten“, ebenso „besonders belastete Beschäftigte wie Schichtarbeiter“.

Der Vorstoß dürfte schon in den eigenen Reihen auf Unverständnis stoßen: Warum es gerecht sein soll, wenn per kollektiver Umverteilung alle Beschäftigten die Freizeitwünsche Einzelner mitbezahlen, bleibt wohl das Geheimnis der Gewerkschaftsfunktionäre.


Vor allem aber sind jetzt die Tarifverhandlungen mit dem Verband der Bayerischen Metall- und Elektro-Industrie (vbm) erschwert. Dessen Mitgliedsunternehmen haben auf dem Weg zur 35-Stunden-Woche immer wieder tarifliche Arbeitszeitverkürzungen umgesetzt. Doch im Gegenzug gab es mehr Flexibilität für den einzelnen Betrieb – insbesondere was die Verteilung der Arbeitszeit angeht. Dieses Geben und Nehmen, die Balance zwischen der Rücksichtnahme auf betriebliche und persönliche Interessen, stellt die IG Metall jetzt infrage.

Erfolgsgeschichte steht auf dem Spiel

Wettbewerbsfähige, für die Firmen attraktive Tarifverträge: Mit diesem Angebot ist es Gewerkschaft und Arbeitgeberverband über Jahrzehnte gelungen, gemeinsam Wirtschaftswachstum und Wohlstand in Bayern zu sichern. Sogar die große Krise 2009 hat man mit vernünftiger Tarifpolitik bewältigt.

Für den Großteil der Beschäftigten gelten die einheitlichen Mindestbedingungen des Flächentarifs – weil dieser noch so gestaltet ist, dass ihn die meisten Betriebe mittragen können. Das schafft Planungssicherheit und sozialen Frieden.

Doch jetzt ist der Flächentarif ernsthaft in Gefahr.

Die weiteren Artikel des Themen-Specials:

6 Prozent mehr Entgelt und ein neuer individueller Anspruch, die Arbeitszeit deutlich zu reduzieren: Aufgrund dieser Forderungen der IG Metall zeichnet sich in der Metall- und Elektroindustrie eine harte Tarifrunde ab.

Drei von vier Beschäftigten in Bayern finden, das Thema Arbeitszeit sei vernünftig geregelt. Es gibt Freiräume – auch um die Arbeitszeit zeitweise abzusenken. So lautet das Resultat einer Befragung der IG Metall.

Tariflich bezahlte Mitarbeiter dürfen statt 35 bis zu 40 Stunden pro Woche arbeiten, natürlich für mehr Entgelt. Allerdings beschränkt eine Quote diese Möglichkeit auf 13 Prozent der Belegschaft.

Teilzeit, Elternzeit, Pflege, Weiterbildung, Altersteilzeit: Worauf Arbeitnehmer in Deutschland in bestimmten persönlichen Lebenslagen bauen können, wird hier ausführlich erklärt.

Warum sind so viele unterschiedliche Arbeitszeitmodelle entstanden und profitieren davon auch die Mitarbeiter? AKTIV-Interview mit Ökonom Oliver Stettes vom Institut der deutschen Wirtschaft Köln (IW).

Stets für die Kunden da sein und gleichzeitig dafür sorgen, dass die Mitarbeiter gut mit der Flexibilität leben können: Vier Unternehmer aus Bayern erzählen, wie sie das trotz globaler Konkurrenz hinkriegen.

Am „Besuchstag“ taucht die achtjährige Michelle an Papas Arbeitsplatz auf: Wie zum Beispiel das auf Sonnenschutzsysteme spezialisierte Familienunternehmen Warema in Marktheidenfeld Väter und Mütter unterstützt.

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