Grippewelle

Noch mal Schwein gehabt?


Warum Experten der Pandemie sogar etwas Positives abgewinnen können

Berlin. Ha ... Haaaa ... Hatschi! Hat so eine kleine Nies-Attacke sonst stets ein freundliches „Gesundheit“ der lieben Kollegen zur Antwort, machen Schniefen und Schneuzen in diesen Tagen ziemlich einsam in der Firma. Schuld ist: die grassierende Angst vor der Schweinegrippe.

Höhepunkt kommt  im Herbst

Knapp 12.500 Krankheits­fälle registrierte das Robert-Koch-Institut Mitte August in Deutschland. Mehr als drei Mal so viel wie noch vor drei Wochen.

Das Ende der Fahnenstange wird das nicht sein: Experten rechnen mit dem Höhepunkt der Ausbreitung im Herbst.

Und jetzt? Panik? Drohen uns verwaiste Straßen? Leer­gefegte Werkhallen? „Mal langsam“, sagt Berthold Stoppelkamp, Chef der Ar­beits­gemeinschaft für Sicherheit der Wirtschaft (ASW) in Berlin. „Die Zahl von 12.500 be­zeichnet ja nicht die derzeit akuten, sondern alle bislang in Deutschland gemeldeten Krankheitsfälle insgesamt. Die überwiegende Mehrzahl der Betroffenen ist längst wieder gesund.“

Auch Günther Dettweiler, Sprecher des Robert-Koch-Instituts, beru­higt: „Die Krankheitsverläufe sind doch sehr milde. Es besteht momentan kein Grund zur Panik.“

Trotzdem: Wenn die Schweinegrippe-Welle im Herbst ihren Höhepunkt erreichen wird, sollten auch die Unternehmen auf einen höheren Krankenstand eingerichtet sein. Da aber krankt es noch.

Krisenmanagement rückt ins Bewusstsein

Gut präpariert sind laut ASW bislang lediglich Großkonzerne und global agierende Mittelständler. „Die haben seit dem Auftreten von Vogelgrippe oder der Lungenkrankheit SARS das Thema Pandemie auf dem Radar und entsprechende Krisenpläne in der Tasche“, sagt  Stoppelkamp. „Ansonsten sind die deutschen Un­ternehmen in großen Teilen derzeit noch gar nicht oder wenig vorbereitet“, be­mängelt der Experte.

Auch Wolfgang Panter, Präsident des Verbands Deutscher Betriebs- und Werkärzte, hält die Vorkehrungen in vielen Be­trieben noch nicht für aus­reichend: „Firmen sind zwar auf Maschinen- oder Computerausfälle vorbereitet, aber nicht darauf, wenn derjenige, der Computer oder Maschine bedient, an Grippe erkrankt.“

So gesehen ist der oft Panik verbreitende Medien-Hype um die Schweinegrippe fast so etwas wie ein überfälliger Weckruf. Stoppelkamp: „Wenn die Pandemie dazu führt, dass das Thema Krisenmanagement und Aufrechterhaltung der Produktion bei höherem Krankenstand gerade in kleineren Firmen endlich mehr ins Bewusstsein rückt, dann hat die Schweinegrippe sogar etwas Gutes.“

Häufig nämlich würden Arbeitsschutz- und Sicherheitsbeauftragte eher als notwendiges Übel angesehen. „Jetzt haben diese Leute Gelegenheit, den Nutzen ihrer Tätigkeit auch für den Geschäftserfolg ihrer Firmen zu demonstrieren.“

Gute Übung für den Ernstfall

Und noch was Positives: Oft werden entsprechende Schutzmaßnahmen wie das Bereitstellen von Desinfektionsmitteln in Waschräumen aufgrund von Nachfragen aus der Belegschaft angestoßen. „Die Mitarbeiter lesen von umfangreichen Maßnahmen in Konzernen und fragen dann, wie es in der eigenen Firma um die Vorkehrungen bestellt ist“, so Stoppelkamp.

Einig sind sich die Experten in einem Punkt: Panikmache ist fehl am Platz!

„Zwar werden in den nächs­ten ein bis zwei Monaten die Erkrankungen sprunghaft nach oben gehen“, glaubt Alexander von Kekulé, Virologe und Chef des Instituts für Immunologie in Halle.

Es gebe aber derzeit keinen Grund für die Befürchtung, das Virus könne sich in eine tödliche Menschheitsbedro­hung verwandeln. Kekulé: „Po­sitiv formuliert, ist die Schweinegrippe andererseits eine schöne Gelegenheit, einen tatsächlich verheerenden Ernstfall zu üben.“

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